Denny und sein Dad / Man on the moon




Der Clip entstammt dem fantastischen Dokumentarfilm „Ornette – Made In America“ (1984) von Shirley Clarke. Er zeigt Ornette Coleman und seinen 12jährigen Sohn Denardo („Denny“) 1968 im New Yorker Viertel SoHo, wo Ornette in der Prince Street seit April desselben Jahres ein Loft bezogen hatte, das er „Artist’s House“ taufte. Ornette lebte, probte und werkelte darin bis ca. 1975. Das Footage wurde mit ziemlicher Sicherheit von Leuten aus dem engsten Ornette-Umfeld privat gedreht - Dennys Unbefangenheit vor der Kamera legt das nahe -, und war völlig unbekannt, bevor es Shirley Clarke für ihren Dokumentarfilm verwendete. Seitdem ist kein weiteres Material aus dieser Artist's-House-Periode mehr aufgetaucht; die professionelle Kunstfertigkeit, mit der Shirley hier montierte, lässt aber erahnen, dass womöglich noch kilometerweise Streifenstoff irgendwo lagert.

Für uns, die wir so manche Nacht mit der Exegese der Musiken von Typen wie Ornette Coleman, Cecil Taylor, Albert Ayler und Archie Shepp hingebracht haben, ist dieser kleine Schnipsel schon wichtig. Wir sitzen vor überdimensionalen unfertigen Puzzlespielen in 4D und freuen uns über jedes einzelne kleine Teil, das sich einpassen lässt, das aber freilich nie von der Fabrik mitgeliefert wird sondern in den Überraschungseiern des Lebens steckt, die einem so larifari zufallen. Ornette Coleman starb im heißen Sommer 2015 - ich las die Nachrufe, ja, die Leute haben Probleme, das Lebenswerk der Mannes auf einen Punkt zu bringen. Erfinder des Freejazz? Schmarrn. Ornette spielt einfach den Blues? Schon richtiger, aber nur, wenn man mit "Blues" die uralte Bluesstimmung meint und nicht das allseits bekannte harmonische Mollschema. Diesen Blues zu spielen ist so ziemlich das Freieste, was du machen kannst, sagte Rahsaan mal, und das trifft auf das Saxofonspiel Ornettes mit Sicherheit zu.

Nach dem Kern ist aber genau da zu suchen, wo die Kreativität am deutlichsten aufscheint - auf dem Weg vom bric-a-brac zur Bricolage. Ornette Colemans Werk ist eine einzige große vielgestaltige Bastelarbeit (Lévi-Strauss schrieb mal zum Thema Bastler & Wildes Denken) an der Drehbank des Blues. Der Blues macht den Bastler frei: Wenn er in England nicht auftreten durfte, weil die britische Gewerkschaft ihn als amerikanischen Entertainer klassifizierte, der somit unter einen Bann zu fallen habe, dann schrieb Ornette notgedrungen seine Stücke um für ein von ihm imaginiertes Streichquartettsetting, mit dem er dann in London tatsächlich reüssierte. Sofort bekam er Lust, ein großangelegtes sinfonisches Werk auszutüfteln, das schließlich ebenfalls nach Jahren zur Aufführung kam ("Skies Of America"). Für Ornette lag es dann wie selbstverständlich auf der Hand, ein musiktheoretisches Werk aufs Papier zu bringen, das er "Harmolodics" nannte, ein Manuskriptkonvolut, von dem über die Jahrzehnte immer mal wieder Auszüge in interessierte Kreise gelangten, und an denen Musikologen dann herumrätselten wie an einem Koan, einfach weil Ornette die Standardbegriffe nicht oder "falsch" verwendete und die Konfusion damit vorprogrammiert war. Bezeichnend auch, dass Ornette sein Altsaxofonspiel niemals akademisch weiterentwickelte, sondern sich stattdessen lieber Violine und Trompete selber beibrachte, um neue Sounds in seinen Vortrag zu bringen. All das war freilich "naiv". Die Idee, mit seinem kleinen Sohn Denardo, der ganz für sich ein Gefallen am Trommeln gefunden hatte, das ernsthafte Jammen anzufangen, passt genau in die Szenerie. Es entstanden immerhin drei offizielle Aufnahmen Ornettes mit Denardo als Kind (eine davon ist gar ein Livemitschnitt eines Auftritts in der NY-University mit Dewey Redman als zweitem Saxofonisten, Dewey ist voll im Bilde und es sind Interaktionen zwischen ihm und Denardo zu hören, die einen sprachlos machen). Das ist der Punkt bei Ornette Coleman: Musik geht immer und mit jedem, der Mensch ist ein Kreativling, ein "Bastler", das ist die Botschaft.

Ornette teilte das "Artst's House" für einige Jahre mit Emmanuel Ghent, einem praktizierenden Psychiater, dessen großes Ding allerdings die Neue Elektronische Musik war. Ghent tüftelte an seinem Zeug in den Laboratorien, die ihm die Telefongesellschaft Bell zur Verfügung stellte für innovative Explorationen - und natürlich existiert also eine Musik, die die Nachbarn Ghent und Ornette Coleman zusammenführt. Wenige Wochen vor der avisierten ersten bemannten Mondlandung, nahm Ornette ein Band von Ghent und ließ sein Quartett darüber ein Brett improvisieren, so, dass einem beim Hören des Amalgams heute noch die Zähne schmerzen. Impulse - Ornettes Plattenfirma zu der Zeit - veröffentlichte "Man On The Moon" als Single, aber nur in Frankreich. Den Kram hörte ich im Sommer 2015 zum ersten Mal. :)



This is as serious as your life.