Honig

Kaufte ein Taschenbuch kurzerhand vom Stapel weg. Umschlagfoto. Dachte: Heiliger Bimbam. Erwartung: Träume schlagen um in Alpträume. Hund wird zu Wolf. Licht changiert ins Zwielicht. Zeitkorridore bekommen Augen. Leere manifestiert sich als Bedrohung, usw. … -


London 1972. Großbritannien heruntergekommen, politisch tief gespalten. Mit den Unions steht die rote Gefahr konkret im eigenen Land. Böses Erwachen aus dem Swinging-London-Traum, you know. Katerfrühstück. Yessir, die Kultur ist in all dem ein ideologisches Schlachtfeld und der MI5 lockt und fördert die wenigen staatstragende Schriftsteller und Intellektuellen. Codename Honig. Zoom: Wir sehen Serena Frome - jung, schön, Collegeabsolventin, leidenschaftliche Leserin von Trivialkram. Serena die perfekte Agentin, um einen literarischen Zirkel zu infiltrieren. Ho-hey. Jungdichter Tom Haley Zielperson. Klar: Toms Erzählungen schnuckelich, aber der Mann selber noch viel schnuckelicher. Hey-ho. Agentin Serena also ganz unprofessionell verknallt in ihn. Folge: Hund zu Wolf, Licht zu Zwielicht usw.… -

Die Romane Ian McEwans: Exzellente Unterhaltung britischen Zuschnitts, Dialoge natürlich sensationell, der englische Roman ist zuallererst ein Gesellschaftsroman, mahnt Jane Austen aus dem Off. Damnright, nichts als Tricks und doppelte Böden in der Konstruktion! Es geht am Ende um ganz was anderes als um Politik, Kultur und Infiltration. Es geht um Politik, Kultur und Infiltration als Motivkreis und Strategiebündel des allumfassenden und vielgestaltigen Liebesspektakels. Das letzte Kapitel also auf keinen Fall zuerst lesen, Buster. Das heißt natürlich: Das letzte Kapitel auf jeden Fall zuerst lesen! - Wenn man nämlich vorher weiß, dass "Honig" ein Roman im Roman im Roman ist, wenn man weiß, dass all die Honigspuren, mit denen das Figurenpersonal sich gegenseitig in die bereitstehenden Fallen lockt, keine anderen sind, als die Honigspuren, die der Autor McEwan für uns legt - aus denselben Gründen -, dann dämmert uns sofort, dass Fiktionalisierung eine Strategie unseres Verstandes ist, gesund zu bleiben. :)

Denn: Am Ende fragen wir uns, ob Tom Haley das Recht hatte, seine Erinnerung als Wahrheit hinzustellen, einfach zu behaupten, Serena Frome sei die und die und sie habe das und das aus den und den Gründen getan, und aus all dem ein Romanmanuskript zu machen. Doch was hätte er stattdessen tun sollen? Einfach nur zugeben, dass die Bedeutung des Zufalls größer ist, als ein Mensch ertragen kann? Die Seele ist zwar kein Kontinuum, und Identität ist nicht einzig - was die Worte eigentlich bedeutungslos macht -, die Erinnerung ist beschönigend und unehrlich, aber was hätte Tom Haley tun sollen, als die Story aufzuschreiben, wenn er nicht den Verstand verlieren wollte? Freilich muss der Schriftsteller lügen, denn sonst würde ihm keiner glauben. Natürlich ist "Tom Haley" ein Riesenhinweisschild auf Patricia Highsmiths Tom Ripley. Es geht in "Honig" schlicht um die Frage, wie hoch der Preis ist, Augen zu erhalten, die scharf genug sind, hinter die Fiktion von Kontinuität, von Ursache und Wirkung, von einer vernünftigen, humanisierten Geschichte (Historie, Roman, Biografie) zu sehen. "Honig" ist demgemäß ein Roman vom Stapel, der wirklich weiterhilft. :)

Das beeindruckende Umschlagphoto machte Chris Frazer Smith. Hier schön groß.