Schacht, Nr. 52b

In diesem Ensemble mit Vogel und Bison ist der erste jemals dargestellte Mensch zu sehen. Höhle von Lascaux in der Dordogne. Das Kunstwerk ist mindestens fünfzehntausend Jahre alt. Übergang vom Homo faber zum Homo sapiens. Sogenannte Rentierzeit. Mittlerweile gemäßigtes Klima in Mittel- und Westeuropa. Der Mensch überwindet eine Nacht von fünfhunderttausend Jahren Steinbehau und entdeckt das Spiel. Homo ludens. Die Geburt der Kunst, sagt Georges Bataille.

Georges Bataille: Lascaux oder die Geburt der Kunst. 1955. Essay und Farbfotografien.



Die Höhle von Lascaux – 1940 zufällig entdeckt von spielenden Kindern – birgt in ihren Hallen, Gängen und Schächten die kolossalste und auch monumentalste vorgeschichtliche Bemalung mit Tierszenen. Virtuos ausgeführte Bemalung wohlgemerkt. Folgt man der Einschätzung Georges Batailles, dann läuft es darauf hinaus, dass die Künstler von Lascaux bei ihrer kreativen Tätigkeit genau das gleiche empfanden und durchlitten wie Beethoven beim Komponieren der Neunten Sinfonie.*

Aber in der gesamten Höhle gibt es zwischen all den Tierbildern nur diese eine Darstellung eines Menschen.* Und die ist im Vergleich zu den überwältigenden, teils virtuos ausgeführten Tierszenen ein simples, fast linkisch gezeichnetes Strichmännchen. Sogar der einfache Umriss des Vogels auf der Stange wirkt „ausgereifter“. Vom Bison, dem – tödlich vom Speer getroffen – die Eingeweide aus dem Bauch quellen, ganz zu schweigen; der Bisonkopf ist gar in einem angenäherten Halbprofil ausgeführt und für die Darstellung des Speers muss der vorgeschichtliche Künstler irgendein erstaunlich gutes „Lineal“ zur Hand gehabt haben.

Und dieser eine Mensch, das Strichmännchen, er erscheint durch eine vogelartige Maske noch zusätzlich verfremdet und enthumanisiert. Die Künstler von Lascaux waren zwar erstaunlich virtuos in ihrer Maltechnik, aber sie konnten sich wohl noch kein Bild von sich selbst und ihresgleichen machen in der neugewonnenen, aber noch nicht internalisierten Abgrenzung zum Tier. Und wenn sie diese Abgrenzung doch vollzogen haben, dann gäbe es immerhin die Möglichkeit, dass sie sich noch nicht als Individuen begriffen. Dass die Darstellung EINES Menschen immer ALLE meinte, in diesem Falle alle mit dem Vogel als Totemtier. Jede Selbstbewusstwerdung beginnt mit Gekrakel an den Wänden.

Der biblische Abraham könnte in der Lascaux-Zeit die Bühne der Welt betreten haben. Eher einige Millennien füher als später. Er stand im Begriff, seinen Sohn Isaak zu opfern, da betrat ein Widder die grauslige Ur-Szene. Abraham opferte den Widder und verschonte das Kind. Und brach in wildes Entzücken aus, denn er hatte etwas erkannt, etwas ganz Grundstürzendes, auf dem man eine Lehre bauen konnte. Der Wechsel vom Menschenopfer zum Tieropfer war ein wahrhaft epochales Ereignis. Die Menschen begannen, sich ein Bild zu machen von sich selbst, der erste Schritt auf dem Weg der Ablösung des Geistes von der Natur. Das ungelenk gearbeitete Strichmännchen mit der Vogelmaske in der Höhle von Lascaux fällt in dieses Zeitalter der allmählichen Selbstbewusstwerdung, es ist der Anfang der Geschichte.

Die künstlerische Produktion beginnt im Dienst der animistischen Magie, des vorreligiösen Ritus. Von den Höhlengemälden in Lascaux war einzig wichtig, dass sie vorhanden sind, nicht dass sie ausgestellt und gesehen werden, es sei denn von den Naturgeistern oder Ahnen. Sie sind Zauberinstrumente, deren absolutes Gewicht auf ihrem Kultwert lag. Die Rindviecher unter der Erde von Lascaux sind das Heilige, bevor Gott erfunden wurde, das, was wert war geopfert und aufgegessen zu werden. Georges Bataille berichtet vom Verhalten der ersten Besucher, als die Höhle von Lascaux zur Besichtigung freigegeben wurde. Ausrufe bassestes Erstaunens, sich gegenseitig an den Händen halten, auf Zehenspitzen gehen, immer wieder vereinzeltes Aufstöhnen, Schluchzen und auch hemmungsloses Weinen. Bataille verortet diese Reaktionen auf die Höhlenbilder an jenem gewissen Punkt, an dem wir ahnen: Bruder Urmensch. Picasso soll gefragt haben: Sind wir denn seitdem auch nur einen Schritt weitergekommen? (Er bezog sich dabei auf die moderne Kunst, aber im Jahrzehnt von Holocaust, Vernichtungskrieg und thermonuklearer Auslöschung wusste jeder, was noch gemeint war.)

Dass die prähistorischen Darstellungen zum Zeitpunkt ihrer Entstehung einen reinen Kultwert hatten, begreifen wir nicht sofort, weil wir Heutigen in den Dimensionen von Kunstwerk und Ausstellungswert denken und rezipieren. Wir rezipieren nachträglich als „Kunst“, was bloße „Zauberei“ war. Wir rezipieren das Höhlengemälde mit Stier, Vogel und Strichmännchen so, wie wir „Guernica“ rezipieren. Mit Schrecken. Denn „Guernica“ sagt nichts anderes, als dass wir dereinst in eine Nachgeschichte zurückfallen werden, die der Vorgeschichte bis aufs i-Tüpfelchen gleichen wird.


*Dieser Vergleich ist eine Zuspitzung meinerseits angesichts der wunderhübsch gallisch-pathetischen Sprache Batailles in diesem Buch, der man die Verzückung des Franzosen anmerkt angesichts des angelegentlichen Umstandes, dass die ersten bildenden Künstler ja offensichtlich seine Landsleute waren. :) - Batailles Sprache ist extrem suggestiv, immer, und so auch hier in "Geburt der Kunst".

**1994 wurden in der Höhle von Chauvet ähnliche Tierdarstellungen entdeckt, die noch einmal doppelt so alt sind wie jene in Lascaux, also mindestens dreißigtausend Jahre. Chauvet enthält aber keine Menschendarstellung.