Johan Cruyff (1946-2016)

Johan Cruyff war der Kicker, der ab 1969 das Verhältnis von schätzungsweise einer ganzen Generation von Balltretern zu ihren Körpern und zu den Alltagsobjekten um sie herum verändert hat. Cruyff, der geniale Fußballquerkopf und Kettenquarzer, der bei der Teambesprechung auf den Hinterbeinen seines Stuhls kippelt, dann dünn wie Aal und krumm wie Fragezeichen auf dem Spielfeld erscheint, der dann jeden herumstehenden Verteidigerkorpus als Sprungfeder benutzt wie Ali die Ringseile, und der sich dann – die Kugel pendelt zwischen den langen Haxen hin und her - mitten durch die nächste heranstürzende Phalanx von Bluthunden schlängelt… - der die Dinge auf dem Fußballfeld vierdimensional beherrscht, sie an sich reißt mit den impulsiven Bewegungen und Posen eines Herrschers, der nicht bereit ist, allzu viel Geduld aufzubringen mit den Kalamitäten, die weniger Begabte haben mit den Tücken des Objekts. Alle haben Cruyffs Kunst bewundert - vielleicht geliebt - aber sie haben ihn nicht verstanden, und das hat sie für fußballerische Alltagskünste wie Coladosenfreistoß und sogar für das primitive Gebolze im Park für immer verdorben. Schon mal gesehen, wie alle möglichen Kicker quer durch alle Ligen und Stadtparks plötzlich alle drei Varianten des Cruyff-Übersteigers im Repertoire hatten? Es war lachhaft, der Anblick schauderte einen, denn: die raffinierte Ökonomie hinter seinen saloppen und ungezwungenen Bemächtigungen der Dinge auf dem Platz konnten die Epigonen immer nur auffassen als etwas, das gerade gut genug ist, um damit Schindluder zu treiben. Cruyffs Spiel mutete in seinen Einzelheiten oft zirzensisch an, aber dass all seine berühmten Aktionen nur gelangen, weil er die Dinge um sich herum vorher mit Röntgenaugen nach den nur scheinbar perfekt gezogenen Nähten (Schnittstellen sagen wir heute) in der Organisation des gegnerischen Spiels absuchte, um dann wie ein einziger großer Muskel im Zentrum eines klaren Angriffsstroms die beste und zugleich verblüffendste Lösung für den perfekten Move zu finden, dass er in diesen Studierphasen während des Spiels keine einzige Bewegung achtlos vergeudete - wodurch sein Spiel doch erst zu Kunst wurde -, das hat kaum einer geschnallt. Alle großen Spieler machten das so, Cruyff ist in meinen Augen der größte von ihnen.