Traum, galaktisch / Raumkapazität




Was die sogenannte Avantgarde betrifft, so erscheint jeder als neu empfundene Ausdruck zunächst wie ein Bruch und oft wie eine Verneinung dessen, was schon gesagt und getan worden ist oder der Art und Weise, wie das, was gesagt wurde vorher gesagt worden ist. Aber originalität hat eher etwas mit Wiedererkennung zu tun als mit Invention. Wie die meisten revolutionären Bewegungen ist die Avantgarde bis heute immer eine Rückkehr und eine Rekonstruktion. Der bewirkte Wechsel ist nur scheinbar, eine Illusion, denn durch das Neue und hinter dem Neuen geschieht das Wunder der Wiederaufwertung, die Erneuerung dessen, was von allem Anbeginn fortdauert. Die Grundmuster sind immer schon da. Kunst ist zugleich archaisch und modern, sehr alt und zugleich zeitgenössisch. Es ist deshalb die Kunst, die das Bewusstsein unserer Kontinuität, unserer Identität sichert.


Ich besteige die Tretmühle Walter Benjamins und höre mich jetzt sagen, dass in avantgardistischen Gestaltungsmitteln zwar sehr nachdrücklich das Streben hervortritt, sich gegen das Veraltete (also gegen das Jüngstvergangene) radikal abzusetzen, dass diese Mittel aber kollektiven Wunschbildern entsprechen, in denen Neues und Altes sich durchaus gegenseitig durchdringen; in denen das Kollektiv – so Benjamin neben mir - die Unfertigkeit des gesellschaftlichen Produkts sowie die Mängel der gesellschaftlichen Produktionsordnung sowohl aufzuheben wie zu verklären sucht. Diese Doppelbewegung weist die vom Neuen angestoßene Bildphantasie an das Urvergangene zurück, all das ist surreal. In jenem kollektiven Traum der Epoche von der ihr folgenden, erscheint die letztere utopisch vermählt mit Elementen der Urgeschichte, das heißt mit den tief im Unbewussten des Kollektivs eingelagerten Erfahrungen einer klassenlosen Gesellschaft. :)


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The Maximum Capacity
of this room
is 262 people

262 people

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Robert Lax


→ Gunter Hampel Group + Jeanne Lee. Willem Breuker, Arjen Gorter, Pierre Coubois. Soest/Holland, April 1968. Wergo.




Johan Cruyff (1946-2016)

Johan Cruyff war der Kicker, der ab 1969 das Verhältnis von schätzungsweise einer ganzen Generation von Balltretern zu ihren Körpern und zu den Alltagsobjekten um sie herum verändert hat. Cruyff, der geniale Fußballquerkopf und Kettenquarzer, der bei der Teambesprechung auf den Hinterbeinen seines Stuhls kippelt, dann dünn wie Aal und krumm wie Fragezeichen auf dem Spielfeld erscheint, der dann jeden herumstehenden Verteidigerkorpus als Sprungfeder benutzt wie Ali die Ringseile, und der sich dann – die Kugel pendelt zwischen den langen Haxen hin und her - mitten durch die nächste heranstürzende Phalanx von Bluthunden schlängelt… - der die Dinge auf dem Fußballfeld vierdimensional beherrscht, sie an sich reißt mit den impulsiven Bewegungen und Posen eines Herrschers, der nicht bereit ist, allzu viel Geduld aufzubringen mit den Kalamitäten, die weniger Begabte haben mit den Tücken des Objekts. Alle haben Cruyffs Kunst bewundert - vielleicht geliebt - aber sie haben ihn nicht verstanden, und das hat sie für fußballerische Alltagskünste wie Coladosenfreistoß und sogar für das primitive Gebolze im Park für immer verdorben. Schon mal gesehen, wie alle möglichen Kicker quer durch alle Ligen und Stadtparks plötzlich alle drei Varianten des Cruyff-Übersteigers im Repertoire hatten? Es war lachhaft, der Anblick schauderte einen, denn: die raffinierte Ökonomie hinter seinen saloppen und ungezwungenen Bemächtigungen der Dinge auf dem Platz konnten die Epigonen immer nur auffassen als etwas, das gerade gut genug ist, um damit Schindluder zu treiben. Cruyffs Spiel mutete in seinen Einzelheiten oft zirzensisch an, aber dass all seine berühmten Aktionen nur gelangen, weil er die Dinge um sich herum vorher mit Röntgenaugen nach den nur scheinbar perfekt gezogenen Nähten (Schnittstellen sagen wir heute) in der Organisation des gegnerischen Spiels absuchte, um dann wie ein einziger großer Muskel im Zentrum eines klaren Angriffsstroms die beste und zugleich verblüffendste Lösung für den perfekten Move zu finden, dass er in diesen Studierphasen während des Spiels keine einzige Bewegung achtlos vergeudete - wodurch sein Spiel doch erst zu Kunst wurde -, das hat kaum einer geschnallt. Alle großen Spieler machten das so, Cruyff ist in meinen Augen der größte von ihnen.

This Is Our Music (Folge 714)




Schmallippige, rücksichtslose Platte. Vor einer Million Jahren letzmals gehört, jetzt wieder: abgekochtes Weiß, dabei koruszierend und rauchig wie Giftpunsch. Ansonsten von beständig kapriolischem Wetter, einem, das dich trägt von hier nach dort. Wenn Egomanen wie Ellington, Mingus und Roach sich treffen in einem Aufnahmestudio, dann werden sie dort zu Ungeheuern und verwandeln den Ort sogleich in einem Vorhof zur Hölle. A triumvirat, not a trio. Ellington – damals 62 - hat durchaus einen sardonischen Spaß daran, seine Musik in die unermesslich weite Welt der Dissonanzen zu entlassen. Mingus scheint sein Instrument mit Zähnen und Klauen zu bearbeiten und strawanzt in Registern umher, die 1962 unter Jazz-Kontrabassisten, die auf ihren guten Ruf achteten, unter dem Begriff verbotenes Terrain bekannt waren. Und Max Roach? Der hat den schwierigsten Job. Der damals führende Drummer hat Mingus hinter sich und Ellington vor sich und wenn ihm nur für Sekundenbruchteile der Durchblick abhanden kommt, dann klingt er gleich so daneben, als sei er zwangsweise zu dieser Session rekrutiert worden. Tension. Die Musikanten sind hernach zu drei verschiedenen Häusern raus und ich glaube, keiner hat mit dem anderen jemals wieder ein Wort gewechselt. Irgendwann ist Ende. Grandioses Zeug.

Money Jungle Ellington 5:29
Fleurette Africaine Ellington 3:33