Orbital: Lawdylawd




Genies des Da-im-Raum- und des Da-in-der-Zeit-Seins. Rechtschaffene Leute, die gute Chancen fürs Weiße Haus gehabt hätten zu ihrer Zeit. :) ---

Fetter Kulturkampf im Gange. Oja, ich verspreche euch, alles zu ändern. Denn um alles zu ändern, muss ich gar nichts ändern. Ich ändere die Namen, nicht die Sache. Die alten Mystifikationen konnten unserer Analyse nicht standhalten, die neuen werden jedoch unverletzbar sein, denn zwei mal zwei ist fünf und wer das Gegenteil behauptet ist ein Lügner. Ich verspreche euch nicht, dass die Krankheit völlig verschwindet, aber ich verspreche euch, dass ihre Bedeutung nach Maßgabe von 2x2=5 eine andere sein wird. So läuft das.

Wir befinden uns schon die längste Zeit auf einer Straße, die man uns kalt lächelnd in die verkehrte Richtung entlanglaufen lässt, und die Gründe dafür kennen wohl jene Kräfte am besten, die den Verkehr regeln. Wenn es überhaupt solche Kräfte gibt, denn am Ende sind wir vermutlich alle selbst Teil des Problems, jeder für sich, und am schlimmsten ist immer das Eingeständnis, dass man ja selber die Ursachen für alles Schreckliche & Unglaubliche von 2016 seit langer Zeit am Schnürchen hatte und dass es die eigene Trägheit und Verdrängungskunst ist, die dazu führt, dass wir weiter verkehrt herum durch diese Straße gehen. Wie in einem ausgeklügelten IKEA-Parcours wird man unweigerlich an jeden Plunder herangeführt; der Ausgang ist zwar überall klar gekenneichnet, man findet ihn trotzdem nie.

Also gut, hier ein Requiem auf 2016, das Jahr, das nicht zuendegehen will.

Nice 2017 and Good Luck, YT, Ray.

Refusnin'



Das ist eines der eher unbekannt gebliebenen Gedichte des heute – so dachte ich – eh schon ziemlich in Vergessenheit geratenen Kenneth Rexroth. Rexroth war Beatnik als es noch gar keine Beatniks gab, seine Urszenen als junger Mann und Poet erlebte er im Jazzage F. Scott und Zelda Fitzgeralds, Langston Hughes‘ und der Großen Depression, den Victory Day beging er als schon Vierzigjähriger, als Kerouac oder Ginsberg aufzeigten, war Rexroth also schon ein Veteran der Versskizziererei auf Bierfilzen, Papierservietten, in Kellern, auf Tresen, in Autobussen.


Erstaunlich, dass es Skandinavier sind, die Kens Faden wiederaufnehmen, und von den dreien die Rezitatorin/Sängerin gebürtige Paschtunin ist. Rexroth wusste vor sechzig Jahren mit Sicherheit nichts von den Dingen in Afghanistan, so wie Simin heute vermutlich nichts weiß von den Dingen im damaligen Amerika; aber Poesie kennt keine Zeit-Raum-Grenzen, nichts ist je vergebens, die losen Fäden werden von den guten Leuten immer wieder neu zusammengesucht und vergeknüpft. Es ist ja gleichgültig, ob jemand in New York 1956 oder in Kabul 2016 ein Gedicht oder einen Song schreibt, der Impuls, das zu tun, ist immer der gleiche. Alles Verwandte, über Erdball und Zeiten verteilt, die sich immer wieder aufeinander beziehen, auf Schultern klettern, durch breite Beine schlüpfen. Das ist die Freiheit.

Try: Tord Gustavsen. What Was Said. Tord Gustavsen (p, keyb), Simin Tander (voice), Jarle Vespestad (perc). ECM Records 2016.




Moanin'



Howlin' Wolf, Ike Turner, Willie Johnson, Willie Steel.
Memphis, TN, 07/1951.


Das Ding ist noch gar nicht richtig in der Luft, da drehn die schon bei. Dürfte liebend gern noch drei Stunden so weitergehen, aber nach drei Minuten war halt damals ultimo. Dabei gab's das LP-Format schon, einundfünfzig -, aber nur für Count und Duke, nicht für die Gitarren. Jessas, Ike Turner... :)


Throat (Berlin '86)








Diamanda Galas voice
Peter Kowald double bass
Free Music Productions. 1986.


Kancheli




Es ist nicht so, dass dieses Land ungewöhnlich wäre oder übernatürlich. Grusinien liegt gleich neben Dagestan. Wir wissen, wer aus Dagestan kommt. Geographisch ist es nicht weit zu den Derwischen, womöglich sind Hohepriester in Grusinien ansässig mit Geheimnissen, die seit dem Heraufdämmern aller Zeiten sorgsam gehütet werden. Aber freilich gibt es kein grusinisches Allheilmittel für die ganze Welt, nicht einmal eine Medizin gegen das menschliche Leid, oder täusche ich mich da ganz sträflich? Schnittpunkt zwischen Ost und West, so kann man Grusinien nennen. Es war also nie ein besonders friedlicher Ort. Grusinien gleicht einer von Kopf bis Fuß tätowierten Frau. Wenn man mal bei ihr gewesen ist, dann muss man bei ihr bleiben, ganz nah bei ihr, tagein-tagaus. Doch bald drängt sich diese Haut zwischen einen und das, was man zu lieben glaubt, und dann bittet man Gott, dass er diese Tätowierungen zu einem Haufen bunten Gewirrs zerreißt. Es gibt nichts, was Grusinien gleichkommt.



Honig

Kaufte ein Taschenbuch kurzerhand vom Stapel weg. Umschlagfoto. Dachte: Heiliger Bimbam. Erwartung: Träume schlagen um in Alpträume. Hund wird zu Wolf. Licht changiert ins Zwielicht. Zeitkorridore bekommen Augen. Leere manifestiert sich als Bedrohung, usw. … -


London 1972. Großbritannien heruntergekommen, politisch tief gespalten. Mit den Unions steht die rote Gefahr konkret im eigenen Land. Böses Erwachen aus dem Swinging-London-Traum, you know. Katerfrühstück. Yessir, die Kultur ist in all dem ein ideologisches Schlachtfeld und der MI5 lockt und fördert die wenigen staatstragende Schriftsteller und Intellektuellen. Codename Honig. Zoom: Wir sehen Serena Frome - jung, schön, Collegeabsolventin, leidenschaftliche Leserin von Trivialkram. Serena die perfekte Agentin, um einen literarischen Zirkel zu infiltrieren. Ho-hey. Jungdichter Tom Haley Zielperson. Klar: Toms Erzählungen schnuckelich, aber der Mann selber noch viel schnuckelicher. Hey-ho. Agentin Serena also ganz unprofessionell verknallt in ihn. Folge: Hund zu Wolf, Licht zu Zwielicht usw.… -

Die Romane Ian McEwans: Exzellente Unterhaltung britischen Zuschnitts, Dialoge natürlich sensationell, der englische Roman ist zuallererst ein Gesellschaftsroman, mahnt Jane Austen aus dem Off. Damnright, nichts als Tricks und doppelte Böden in der Konstruktion! Es geht am Ende um ganz was anderes als um Politik, Kultur und Infiltration. Es geht um Politik, Kultur und Infiltration als Motivkreis und Strategiebündel des allumfassenden und vielgestaltigen Liebesspektakels. Das letzte Kapitel also auf keinen Fall zuerst lesen, Buster. Das heißt natürlich: Das letzte Kapitel auf jeden Fall zuerst lesen! - Wenn man nämlich vorher weiß, dass "Honig" ein Roman im Roman im Roman ist, wenn man weiß, dass all die Honigspuren, mit denen das Figurenpersonal sich gegenseitig in die bereitstehenden Fallen lockt, keine anderen sind, als die Honigspuren, die der Autor McEwan für uns legt - aus denselben Gründen -, dann dämmert uns sofort, dass Fiktionalisierung eine Strategie unseres Verstandes ist, gesund zu bleiben. :)

Denn: Am Ende fragen wir uns, ob Tom Haley das Recht hatte, seine Erinnerung als Wahrheit hinzustellen, einfach zu behaupten, Serena Frome sei die und die und sie habe das und das aus den und den Gründen getan, und aus all dem ein Romanmanuskript zu machen. Doch was hätte er stattdessen tun sollen? Einfach nur zugeben, dass die Bedeutung des Zufalls größer ist, als ein Mensch ertragen kann? Die Seele ist zwar kein Kontinuum, und Identität ist nicht einzig - was die Worte eigentlich bedeutungslos macht -, die Erinnerung ist beschönigend und unehrlich, aber was hätte Tom Haley tun sollen, als die Story aufzuschreiben, wenn er nicht den Verstand verlieren wollte? Freilich muss der Schriftsteller lügen, denn sonst würde ihm keiner glauben. Natürlich ist "Tom Haley" ein Riesenhinweisschild auf Patricia Highsmiths Tom Ripley. Es geht in "Honig" schlicht um die Frage, wie hoch der Preis ist, Augen zu erhalten, die scharf genug sind, hinter die Fiktion von Kontinuität, von Ursache und Wirkung, von einer vernünftigen, humanisierten Geschichte (Historie, Roman, Biografie) zu sehen. "Honig" ist demgemäß ein Roman vom Stapel, der wirklich weiterhilft. :)

Das beeindruckende Umschlagphoto machte Chris Frazer Smith. Hier schön groß.

Schacht, Nr. 52b

In diesem Ensemble mit Vogel und Bison ist der erste jemals dargestellte Mensch zu sehen. Höhle von Lascaux in der Dordogne. Das Kunstwerk ist mindestens fünfzehntausend Jahre alt. Übergang vom Homo faber zum Homo sapiens. Sogenannte Rentierzeit. Mittlerweile gemäßigtes Klima in Mittel- und Westeuropa. Der Mensch überwindet eine Nacht von fünfhunderttausend Jahren Steinbehau und entdeckt das Spiel. Homo ludens. Die Geburt der Kunst, sagt Georges Bataille.

Georges Bataille: Lascaux oder die Geburt der Kunst. 1955. Essay und Farbfotografien.



Die Höhle von Lascaux – 1940 zufällig entdeckt von spielenden Kindern – birgt in ihren Hallen, Gängen und Schächten die kolossalste und auch monumentalste vorgeschichtliche Bemalung mit Tierszenen. Virtuos ausgeführte Bemalung wohlgemerkt. Folgt man der Einschätzung Georges Batailles, dann läuft es darauf hinaus, dass die Künstler von Lascaux bei ihrer kreativen Tätigkeit genau das gleiche empfanden und durchlitten wie Beethoven beim Komponieren der Neunten Sinfonie.*

Aber in der gesamten Höhle gibt es zwischen all den Tierbildern nur diese eine Darstellung eines Menschen.* Und die ist im Vergleich zu den überwältigenden, teils virtuos ausgeführten Tierszenen ein simples, fast linkisch gezeichnetes Strichmännchen. Sogar der einfache Umriss des Vogels auf der Stange wirkt „ausgereifter“. Vom Bison, dem – tödlich vom Speer getroffen – die Eingeweide aus dem Bauch quellen, ganz zu schweigen; der Bisonkopf ist gar in einem angenäherten Halbprofil ausgeführt und für die Darstellung des Speers muss der vorgeschichtliche Künstler irgendein erstaunlich gutes „Lineal“ zur Hand gehabt haben.

Und dieser eine Mensch, das Strichmännchen, er erscheint durch eine vogelartige Maske noch zusätzlich verfremdet und enthumanisiert. Die Künstler von Lascaux waren zwar erstaunlich virtuos in ihrer Maltechnik, aber sie konnten sich wohl noch kein Bild von sich selbst und ihresgleichen machen in der neugewonnenen, aber noch nicht internalisierten Abgrenzung zum Tier. Und wenn sie diese Abgrenzung doch vollzogen haben, dann gäbe es immerhin die Möglichkeit, dass sie sich noch nicht als Individuen begriffen. Dass die Darstellung EINES Menschen immer ALLE meinte, in diesem Falle alle mit dem Vogel als Totemtier. Jede Selbstbewusstwerdung beginnt mit Gekrakel an den Wänden.

Der biblische Abraham könnte in der Lascaux-Zeit die Bühne der Welt betreten haben. Eher einige Millennien füher als später. Er stand im Begriff, seinen Sohn Isaak zu opfern, da betrat ein Widder die grauslige Ur-Szene. Abraham opferte den Widder und verschonte das Kind. Und brach in wildes Entzücken aus, denn er hatte etwas erkannt, etwas ganz Grundstürzendes, auf dem man eine Lehre bauen konnte. Der Wechsel vom Menschenopfer zum Tieropfer war ein wahrhaft epochales Ereignis. Die Menschen begannen, sich ein Bild zu machen von sich selbst, der erste Schritt auf dem Weg der Ablösung des Geistes von der Natur. Das ungelenk gearbeitete Strichmännchen mit der Vogelmaske in der Höhle von Lascaux fällt in dieses Zeitalter der allmählichen Selbstbewusstwerdung, es ist der Anfang der Geschichte.

Die künstlerische Produktion beginnt im Dienst der animistischen Magie, des vorreligiösen Ritus. Von den Höhlengemälden in Lascaux war einzig wichtig, dass sie vorhanden sind, nicht dass sie ausgestellt und gesehen werden, es sei denn von den Naturgeistern oder Ahnen. Sie sind Zauberinstrumente, deren absolutes Gewicht auf ihrem Kultwert lag. Die Rindviecher unter der Erde von Lascaux sind das Heilige, bevor Gott erfunden wurde, das, was wert war geopfert und aufgegessen zu werden. Georges Bataille berichtet vom Verhalten der ersten Besucher, als die Höhle von Lascaux zur Besichtigung freigegeben wurde. Ausrufe bassestes Erstaunens, sich gegenseitig an den Händen halten, auf Zehenspitzen gehen, immer wieder vereinzeltes Aufstöhnen, Schluchzen und auch hemmungsloses Weinen. Bataille verortet diese Reaktionen auf die Höhlenbilder an jenem gewissen Punkt, an dem wir ahnen: Bruder Urmensch. Picasso soll gefragt haben: Sind wir denn seitdem auch nur einen Schritt weitergekommen? (Er bezog sich dabei auf die moderne Kunst, aber im Jahrzehnt von Holocaust, Vernichtungskrieg und thermonuklearer Auslöschung wusste jeder, was noch gemeint war.)

Dass die prähistorischen Darstellungen zum Zeitpunkt ihrer Entstehung einen reinen Kultwert hatten, begreifen wir nicht sofort, weil wir Heutigen in den Dimensionen von Kunstwerk und Ausstellungswert denken und rezipieren. Wir rezipieren nachträglich als „Kunst“, was bloße „Zauberei“ war. Wir rezipieren das Höhlengemälde mit Stier, Vogel und Strichmännchen so, wie wir „Guernica“ rezipieren. Mit Schrecken. Denn „Guernica“ sagt nichts anderes, als dass wir dereinst in eine Nachgeschichte zurückfallen werden, die der Vorgeschichte bis aufs i-Tüpfelchen gleichen wird.


*Dieser Vergleich ist eine Zuspitzung meinerseits angesichts der wunderhübsch gallisch-pathetischen Sprache Batailles in diesem Buch, der man die Verzückung des Franzosen anmerkt angesichts des angelegentlichen Umstandes, dass die ersten bildenden Künstler ja offensichtlich seine Landsleute waren. :) - Batailles Sprache ist extrem suggestiv, immer, und so auch hier in "Geburt der Kunst".

**1994 wurden in der Höhle von Chauvet ähnliche Tierdarstellungen entdeckt, die noch einmal doppelt so alt sind wie jene in Lascaux, also mindestens dreißigtausend Jahre. Chauvet enthält aber keine Menschendarstellung.

Cesare's Attack (This is our music Folge 203)



So zirka 1993 kamen die Downtownkatzen in Manhattan auf die schöne Idee, ihren musikalischen Improvisationsvortrag in Beziehung zu setzen zu stummen Filmen in einem Happening-Rahmen. Ganz so wie 1919. Die Idee war auch insoweit gut, als damit sowohl die Freunde und Unterstützer des Avantgardejazz als auch deren Verwandte aus der Welt der Filmdegustation in eine gemeinsame Bahn geschoben werden konnten. In diesem Sinne widmete sich dem Caligari der Bassist und Komponist Mark Dresser.

The Cabinet Of Dr. Caligari. Music For The Silent Film By Mark Dresser. Denman Maroney, Dave Doglas, Mark Dresser. Knitting Factory Works 1994.

War so frei, Dressers "Cesare's Attack" von der Platte dem entsprechenden Filmschnipsel unzuterlegen, also der berühmten Szenenfolge im dritten Akt, in der Conrad Veidt die süße Lil Dagover raubt.


So hörten es die Betrachter des Films in den Kinos oder Clubs, in denen das Dresser-Trio mit seinem Caligari-Programm auftrat. Das Zeug ist musikalisch großartig antizipiert und durchgeführt. Der Trompeter Dave Douglas ist'ne Marke für sich, alles, was der Mann anfasst, wird zu purem Gold. Komponist Dresser sagt im CD-Booklet, er sei nach unzähligen Besichtigungen des Streifens zu der Überzeugung gelangt, dass einem derart komplexen Film eine adäquat komplexe Musik wohl anstünde. Klingt erstmal nach Denkfehler, ist aber keiner: Die Komplexität des Caligari, die Dresser meint, ist nicht zuletzt die Komplexität dessen, was der Film im Betrachter bewirkt. Die Musik ist demgemäß weniger eine herkömmliche Untermalung der sich abhaspelnden Bildfolgen, als vielmehr ein (psycho)analytischer Versuch.

Durchgriff. :)


Traum, galaktisch / Raumkapazität




Was die sogenannte Avantgarde betrifft, so erscheint jeder als neu empfundene Ausdruck zunächst wie ein Bruch und oft wie eine Verneinung dessen, was schon gesagt und getan worden ist oder der Art und Weise, wie das, was gesagt wurde vorher gesagt worden ist. Aber originalität hat eher etwas mit Wiedererkennung zu tun als mit Invention. Wie die meisten revolutionären Bewegungen ist die Avantgarde bis heute immer eine Rückkehr und eine Rekonstruktion. Der bewirkte Wechsel ist nur scheinbar, eine Illusion, denn durch das Neue und hinter dem Neuen geschieht das Wunder der Wiederaufwertung, die Erneuerung dessen, was von allem Anbeginn fortdauert. Die Grundmuster sind immer schon da. Kunst ist zugleich archaisch und modern, sehr alt und zugleich zeitgenössisch. Es ist deshalb die Kunst, die das Bewusstsein unserer Kontinuität, unserer Identität sichert.


Ich besteige die Tretmühle Walter Benjamins und höre mich jetzt sagen, dass in avantgardistischen Gestaltungsmitteln zwar sehr nachdrücklich das Streben hervortritt, sich gegen das Veraltete (also gegen das Jüngstvergangene) radikal abzusetzen, dass diese Mittel aber kollektiven Wunschbildern entsprechen, in denen Neues und Altes sich durchaus gegenseitig durchdringen; in denen das Kollektiv – so Benjamin neben mir - die Unfertigkeit des gesellschaftlichen Produkts sowie die Mängel der gesellschaftlichen Produktionsordnung sowohl aufzuheben wie zu verklären sucht. Diese Doppelbewegung weist die vom Neuen angestoßene Bildphantasie an das Urvergangene zurück, all das ist surreal. In jenem kollektiven Traum der Epoche von der ihr folgenden, erscheint die letztere utopisch vermählt mit Elementen der Urgeschichte, das heißt mit den tief im Unbewussten des Kollektivs eingelagerten Erfahrungen einer klassenlosen Gesellschaft. :)


***


The Maximum Capacity
of this room
is 262 people

262 people

The Maximum Capacity
of this room
is 262 people

Robert Lax


→ Gunter Hampel Group + Jeanne Lee. Willem Breuker, Arjen Gorter, Pierre Coubois. Soest/Holland, April 1968. Wergo.




Johan Cruyff (1946-2016)

Johan Cruyff war der Kicker, der ab 1969 das Verhältnis von schätzungsweise einer ganzen Generation von Balltretern zu ihren Körpern und zu den Alltagsobjekten um sie herum verändert hat. Cruyff, der geniale Fußballquerkopf und Kettenquarzer, der bei der Teambesprechung auf den Hinterbeinen seines Stuhls kippelt, dann dünn wie Aal und krumm wie Fragezeichen auf dem Spielfeld erscheint, der dann jeden herumstehenden Verteidigerkorpus als Sprungfeder benutzt wie Ali die Ringseile, und der sich dann – die Kugel pendelt zwischen den langen Haxen hin und her - mitten durch die nächste heranstürzende Phalanx von Bluthunden schlängelt… - der die Dinge auf dem Fußballfeld vierdimensional beherrscht, sie an sich reißt mit den impulsiven Bewegungen und Posen eines Herrschers, der nicht bereit ist, allzu viel Geduld aufzubringen mit den Kalamitäten, die weniger Begabte haben mit den Tücken des Objekts. Alle haben Cruyffs Kunst bewundert - vielleicht geliebt - aber sie haben ihn nicht verstanden, und das hat sie für fußballerische Alltagskünste wie Coladosenfreistoß und sogar für das primitive Gebolze im Park für immer verdorben. Schon mal gesehen, wie alle möglichen Kicker quer durch alle Ligen und Stadtparks plötzlich alle drei Varianten des Cruyff-Übersteigers im Repertoire hatten? Es war lachhaft, der Anblick schauderte einen, denn: die raffinierte Ökonomie hinter seinen saloppen und ungezwungenen Bemächtigungen der Dinge auf dem Platz konnten die Epigonen immer nur auffassen als etwas, das gerade gut genug ist, um damit Schindluder zu treiben. Cruyffs Spiel mutete in seinen Einzelheiten oft zirzensisch an, aber dass all seine berühmten Aktionen nur gelangen, weil er die Dinge um sich herum vorher mit Röntgenaugen nach den nur scheinbar perfekt gezogenen Nähten (Schnittstellen sagen wir heute) in der Organisation des gegnerischen Spiels absuchte, um dann wie ein einziger großer Muskel im Zentrum eines klaren Angriffsstroms die beste und zugleich verblüffendste Lösung für den perfekten Move zu finden, dass er in diesen Studierphasen während des Spiels keine einzige Bewegung achtlos vergeudete - wodurch sein Spiel doch erst zu Kunst wurde -, das hat kaum einer geschnallt. Alle großen Spieler machten das so, Cruyff ist in meinen Augen der größte von ihnen.

This Is Our Music (Folge 714)




Schmallippige, rücksichtslose Platte. Vor einer Million Jahren letzmals gehört, jetzt wieder: abgekochtes Weiß, dabei koruszierend und rauchig wie Giftpunsch. Ansonsten von beständig kapriolischem Wetter, einem, das dich trägt von hier nach dort. Wenn Egomanen wie Ellington, Mingus und Roach sich treffen in einem Aufnahmestudio, dann werden sie dort zu Ungeheuern und verwandeln den Ort sogleich in einem Vorhof zur Hölle. A triumvirat, not a trio. Ellington – damals 62 - hat durchaus einen sardonischen Spaß daran, seine Musik in die unermesslich weite Welt der Dissonanzen zu entlassen. Mingus scheint sein Instrument mit Zähnen und Klauen zu bearbeiten und strawanzt in Registern umher, die 1962 unter Jazz-Kontrabassisten, die auf ihren guten Ruf achteten, unter dem Begriff verbotenes Terrain bekannt waren. Und Max Roach? Der hat den schwierigsten Job. Der damals führende Drummer hat Mingus hinter sich und Ellington vor sich und wenn ihm nur für Sekundenbruchteile der Durchblick abhanden kommt, dann klingt er gleich so daneben, als sei er zwangsweise zu dieser Session rekrutiert worden. Tension. Die Musikanten sind hernach zu drei verschiedenen Häusern raus und ich glaube, keiner hat mit dem anderen jemals wieder ein Wort gewechselt. Irgendwann ist Ende. Grandioses Zeug.

Money Jungle Ellington 5:29
Fleurette Africaine Ellington 3:33