1985

Einen einzigen Satz sprach ich zu Raddatz. Er lautete: Naja, ich versorge den Hund und ansonsten schreib ich Reiseführer. Das war 1985 und kam so: Ingeborg und ich…, also wir wachten in ihrem Münchner Penthouse in der K-Straße auf und Ingeborg meinte dann beim Orangenfilettieren, ich solle sie doch zur Buchmesse begleiten, Doppelzimmer im Hotel "Hessischer Hof" gleich gegenüber von der Messe - saubequem -, das hätte sie schon vor Jahresfrist gebucht, und wenn ich jetzt eh schon manifest existent wär in ihrem Leben, dann könnt ich ihr auch dort das Bett so recht ausfüllen. Gesagt, getan. Verdammt, ich war Erstsemester und brauchte die Erfahrung. Also steuerte ich ihren Variant gen Frankfurt und sie stopfte mir während der Fahrt Parmaschinkenröllchen und Melonenschnitz ins Maul, auf dass ich geistig und körperlich fit bliebe. Ihrem Bernhardiner auf dem Rücksitz warf sie alternierend frische Pansenstreifen zu. Ingeborg war im Grunde cool und weitgereiste Journalistin (und mindestens 35), aber was wir bei der Buchmesse jetzt so eigentlich sollten, das blieb mir bis zum Ende unklar, weil mit unseren Reiseführern hatte das alles nichts zu tun, (und mit Raddatz schon gar nichts). Raddatz war schon irgendwie hip damals, das merkte ich sofort, als ich ihn in der Lounge des Hotels "Hessischer Hof" zwischen all den trübsinnig dreinschauenden Autoren, schielenden Scouts und starr glotzenden Verlegern herumspringen sah. Er schien die Konversation am Laufen zu halten oder überhaupt dafür verantwortlich zu sein. Ouff! Jetzt steht Enzensberger bei Raddatz!! – Was hast du bloß mit dem Kerl! – Lass mich nur machen! – Was machen!? – Ingeborg war am Wittern Und Aufspüren - ha, das war ihr Ding. CLICK-CLACK. O Ingeborg! Irgendwie hat sie’s dann gedeichselt, dass wir in einem Riesenpolsterschiff mit Raddatz, Enzensberger, Grass und ein paar Verlegern zu sitzen kamen. Ingeborg am Rumzupfen Und Gackern mit den Spracharistokraten und ich saß da, die rechte Hand auf dem Rücken des Bernhardiners, die linke weiß Gott wo, das Tischchen mit den Getränken und Erdnüssen war unerreichbar. Man wird in solchen Situationen Melancholiker, wahrscheinlich. Plötzlich fasst mich Raddatz ins Auge…