Sand





Die Frau in den Dünen von Hiroshi Teshigahara. Japan 1964.

Und die Frau, die Frau in den Dünen? Spielt die gar keine Rolle? Die war immerhin schon vor dem Insektensammler da in diesem Loch, in dieser Zwangslage, und es wird nicht gesagt im Film, wie lange sie da unten schon einsitzt, Buster. Nacht für Nacht schippt sie stundenlang Dünensand, um nicht restlos mit Haut und Haar verschlungen zu werden von dem Zeug. Sie schippt, aber der Sand kommt zurück und will sie mit Hab und Gut der großen Düne einverleiben, sie schippt, Sand wieder da, sie schippt… sie muss schippen, schau dir die dem Sand abgetrotzte Behaglichkeit ihrer barackenmäßigen Unterkunft an, in der sie dem Insektensammler aus Tokyo Tee und Reispflanzerl serviert…, ich mein, diesen Haushalt kann sie nur aufrechterhalten, wenn sie immerfort schippt, schippt, schippt… Hast schon recht, ihr Schippen führt immer nur zu noch mehr Schippen, sie wird nicht fertig damit und aus der Sicht des Insektensammlers ist ihre Situation freilich eine absurde Situation, aber vom Insektensammler auf diesen Punkt angesprochen, sagt sie: Was soll ich machen, hier ist mein Zuhause. So wie sie das sagt, kann das nur jemand sagen, der weiß, wie es ist, kein Zuhause zu haben, zu leben wie ein rollender Stein. Buster, wenn schon Analogie, dann ist die Dünenfrau Sysiphos und der Insektensammler aus der großen Stadt der rollende Stein, dann ist sie diejenige, die dem absurden Nichtfertigwerden nicht ausweicht, dieses akzeptiert, indem sie lediglich erfährt und beschreibt und den Erklärungen und Lösungen des Insektensammlers, dem Dünengefängnis zu entkommen nachsichtig begegnet, etwa so, wie man einem renitenten Kind nachsichtig begegnet. Erinnere dich, wie die Dünenfrau vom Sand spricht, der ihr Leben bedroht. So, als müsse sie ihn vor den unverhältnismäßigen Urteilen des Insektensammlers in Schutz nehmen. Seltsam, oder? Und wie macht sie ihren Abwasch? Mit Sand. Sie reinigt das Geschirr, von dem kein anderer als der Insektensammler gegessen hat, mit Sand. Wie schläft sie? Nackt, und sie lässt sich dabei nächtens vom Sande leise rieselnd einhüllen, nee, fast liebkosen sogar, Buster. Undsoweiter. Es ist die Dünenfrau, die ein Verhältnis zum Sand hat, wie Sysiphos eines hat zu seinem Felsbrocken. Es gibt halt nichts anderes: hier der Fels, da der Sand, und du musst in Beziehung treten dazu und sobald du in Beziehung trittst, fängst du an zu begreifen und du kämpfst nicht mehr sinnlos gegen deine Aufgabe an. Du brauchst nur täglich ein paar Stunden zu schippen, mehr fordert der Sand nicht. Und Sysiphos brauchte nur täglich seinen Fels bergauf zu bewegen, SEINEN Fels, mehr forderte der Fels gar nicht von ihm.