"... was auch über mich Macht haben soll."


Rilke im Winter 1911/12 an Lou Andreas-Salomé. Rainer Maria Rilke. Briefe. 2 Bände. Leipzig 1950.




Heilige Scheiße...




Nee, aber das hab ich doch schon mal erklärt, dass … Nee, aber ich dachte, da könnten Sie sich vielleicht mal am Riemen reißen, echt, also ich weiß auch nicht genau, Sie könnten ja im Urlaub am Strand oder irgendwo, wo es… Nee, aber Moment noch, eh… Nee, warten Sie, Moment, eh, Moment…! Klar, nee, das weiß ich ja, aber… Nee, aber warten Sie doch mal’n Moment, ich meine, heilige Scheiße, wie soll ich‘s Ihnen denn recht machen? Echt, ich meine, bei allem, was ich mir ausdenke und hinschreibe, finden Sie was zum Meckern, als ob das meine Schuld ist, über alles jammern Sie rum, aber selbst tun Sie als Leser fast gar nix, und ich muss praktisch alles selber machen, echt, Sie interessieren sich nicht die Bohne, und ich rödel mir zwanzig Jahre den Arsch blank in dieser Finanzwelt, was soll ich denn sonst machen als leben, um so ein Buch zu schreiben? Ich meine, jetzt rufen Sie zwar endlich mal an, aber Sie hören mir gar nicht richtig zu, wenn ich Ihnen was über das Buch erzählen will und mit allem, was für Amerika groß und wichtig ist, was ich nur für Sie auf tausend Seiten aufgezogen habe, aber Sie meckern immer nur rum, dann versuch ich, Ihnen diesen Eindruck zu verschaffen, wie das hier mit dem Plattmachen funktioniert, und dass man die Gesetze gar nicht brechen muss, um das zu erreichen, was Sie für rundweg illegal ablehnen würden, und da werden Sie auch sauer, ich meine, Sie sagen immer bloß, was Ihnen stinkt, und ich versuch hier, was auf die Beine zu stellen! Sie meckern immer nur rum, weil dies und das ihrer Auffassung nach nicht funktioniert, und ich muss das alles für Sie im Buch hinkriegen! Ich meine, als ich gesagt hab, damit Sie nicht viel Stress beim Lesen haben und alles … Nee, jetzt warten Sie doch mal… Als ich gesagt hab, ich lass alle Beschreibungen einfach weg, weil die eh alle bloß nerven, damit Sie nur die Monologe, Dialoge, Tetraloge wie Titte auf Tablett präsentiert kriegen, eh, halt… halt… Ja, eben, aber dann meckern Sie immer darüber, dass das nicht lesbar wär, ich mein‘, wie geht das zusammen? Ich schreib alles genau so auf, wie Sie und alle da draußen reden, also nicht bloß die Finanztypen… nee, halt…, also nicht bloß die Finanztypen, nee, auch das Mediengesocks, die Durchgeknallten, die kleinen Nutten drumrum, der gierige kleine Hausbesitzer, nee, alle… Männer, Frauen, Kinder, die lass ich reden wie sie reden, sogar’n Transvestiten schaff ich ran, aber Sie sagen, das wär nicht lesbar, heilige Scheiße, also besorg ich Ihnen wenigstens diese kleinen Beschreibungen von den Uhren, die langsam weiterticken, nur um das für Sie zu gliedern, aber Sie lesen die nicht mal, ich bau Ihnen da im Roman so’n Sitcom-Humor ein, den jeder in der westlichen Welt versteht, damit Sie nicht mehr in die Cafeteria runtermüssen, um einen zu fragen, was das soll, aber dann nehmen Sie trotzdem alles für bare Münze, also … heh, halt, das versuche ich Ihnen ja zu erklären… Dass Sie sich beim Lesen um Ihr alltägliches Le…, ja, eben, sag ich doch… kümmern können, bloß dass alles, womit ich Ihnen helfen will, von Ihnen überhaupt nicht… Ich meine, wenn Sie mir sagen, dass… Hab ich gar nicht, eh, und wenn ich das gemacht hätte, das geht niemanden was… Okay, na und? Ich meine, so läuft das eben!

William Gaddis: "JR". New York 1975. dt. Frankfurt 1996, München 2010/12.