Ich bin Stiller



Stiller. Roman. Der Ich-Erzähler White sitzt in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wird, identisch zu sein mit dem seit sechs Jahren verschollenen Staatsbürger Anatol Stiller, gegen den einige Rechtstitel anhängig sind. Um White=Stiller zu beweisen, konfrontiert die Justiz den Häftling mit den Zeugen der vormaligen Existenz Stillers: mit der Ehefrau, einer Geliebten, einigen Kollegen und engen Freunden, dem greisen Vater, usw. Alle erkennen in White den verschollenen Stiller. Alle sprechen mit White als Stiller, und so rekonstruiert White nach und nach das Leben Stillers und schreibt es auf, in seiner Zelle. Der mit der Aufklärung der Identität Whites beauftragte Staatsanwalt wird ein Vertrauter, bald gar ein Freund Whites, weil der Staatsanwalt in ihm jenen Stiller zu erkennen glaubt, für den ihn seine Frau sechs Jahre zuvor für einige Wochen verließ. Frappierende Umkehrung: Selber als Zeuge einer ihm zugeschriebenen Identität unbrauchbar, wird White zum minutiösen Aufklärer der Umstände, die zu Stillers Verschwinden führten, die – wie auch wir Leser vermuten – nur das Verschwinden dieses Häftlings, der sich als White ausgibt, sein kann. Aber White bleibt dennoch stur: Ich bin nicht Stiller! Die Justiz gestattet White Freigänge, die der Häftling zu Treffen mit Julika Tschudy-Stiller nutzt, der Frau des Verschollenen und als solche Zeugin einer katastrophalen Ehe gegenseitiger Hörigkeit aus Unvermögen. Der Plan geht auf, für Julika ist White Stiller und White verliebt sich in Julika. Nach und nach „bröckelt“ Whites White-Identität und er bekennt sich schließlich, Stiller zu sein, weil Julika Stiller liebt, und er nun wieder – oder endlich - Stiller sein kann. Aber ist White wirklich Stiller, ist er dieselbe Person? White unterzieht sich einer Zahnbehandlung, der Arzt kramt Stillers alte Röntgenbilder hervor, vergleicht sie mit dem Gebiss des vor ihm liegenden Patienten, und stutzt… nichts stimmt überein… und macht sich dennoch achselzuckend an die Arbeit. White ist nicht Stiller, er ist nicht dieselbe Person, aber er nimmt die Identität Stillers am Ende an, er hat sie studiert und aufgedeckt, er tritt wie gefordert (und was die Liebe betrifft: freiwillig) an seine Stelle. Also auch und vor allem als Ehemann Julikas. Das berühmte letzte Kapitel heißt „Nachwort des Staatsanwalts“, der Erzähler ist also ein anderer und gerade diese offizelle Staatsanwaltsperspektive, die die Faktizität des Existenzkontinuums „Stiller“ endgültig und beglaubigt wiederherstellt, ist folgerichtig diejenige, die kaltschnäuzig von der Katastrophe zum Ende hin berichtet.

Warum das nach 25 Jahren noch einmal lesen? Ich weiß es nicht. Ich kann nur einkreisen, vermuten, spüren, wie ich Dich einkreisen, vermuten, spüren kann. Stiller liegt auf Deinem abgerockten Kunststoffsofa, er klappt zu das Buch, und kann nichts anderes mehr tun, als Dir bei Deinen unbegreiflichen fraulichen „Verrichtungen“ (würde Frisch sagen) zusehen. Ohne Begeisterung, nach der Begeisterung, aber „glücklich“ (würde Frisch erst ab Montauk sagen). Aufgehoben, sicher, aufs Schönste von Dir aufgeräumt, Du willst jetzt nur Stillers Blick auf Dir spüren. Du willst einen unauslöschlichen Eindruck von Dir, Du willst Dich jetzt einbrennen für immer in Stiller. Ewigkeit: jetzt. Stiller ist äußerlich ruhig, Anmut ergötzt ihn, aber im Innersten ringt er nach einer Haltung zu Dir. Das kannst Du nicht begreifen. Unmöglich. Es ist unmöglich, darüber zu sprechen. Du brauchst noch keine Haltung, weil die Katastrophen noch vor Dir liegen. Bleib so, alles ist gut. Aber ich werde Deine erste Katastrophe sein, weil ich alles dafür hergeben muss, sie nicht zu sein.