Moulin à café


O sûr châtiment.
Mallarmé.




Die Herzensmühle, die nicht ein einziges Wort sagt und die nicht einen einzigen Blick verschwendet, in dem nicht eine verbrecherische letzte Lockung und Lockerung liegen würde; jene, zu deren Meisterschaft das Scheinen gehört, ein Scheinen, das mir zu einem zwingenden Nevermore wird, nur um mich umso spürsinniger an sie zu drängen, um ihr immer spürsinniger zu folgen: zwei Schatten, die unter der Laterne Energie durch Erschöpfung erzeugen --- Ihre Herzensmühle, die mich lehrt, meiner Freiheit abzulauschen, dass ich mit nichts und niemandem abrechnen muss, nicht mal mit mir selbst; das Ding, das meine verzackte Seele glatthobelt und ihr ein neues Verlangen einflößt: still zu kurbeln am Morgen wie ein elektrischer Legotech-Arbeiter, der nichts zu vergessen hat unter seinem gelben Plastikhelm --- Ihre Herzensmühle, die meine linkische und überraschte Hand zuerst Zögern und dann endlich Geschicklichkeit lehrt; die mich mit jeder Umdrehung lehrt, dass es bereits tragisch ist, die Tragik vermeiden zu wollen und dass es ein Unglück ist, Probleme für lösbar zu halten --- Ihre Herzensmühle, von der ich reicher an mir selbst die Tür hinter mir ins Schloss drücke, ich mir selbst unbegreiflicher noch als am Abend zuvor, voll von namenlosen Hoffnungen, an deren Ende das Gefühl stehen wird, ich sei lange fortgewesen und kehre nach glücklich überstandenen Abenteuern zurück.

War's nett?




- Hey schau! Jogi Löw! Jetzt schau doch! Da!

- Tatsächlich. Jogi Löw. Was treibt der sonntagsfrüh im Hauptbahnhof ?

- Frag ihn … los schnell … gleich ist er weg …!

- Ah komm … nicht wirklich …

- Baaah… du bist doch Fußballfan… jetzt ist er umme Ecke … renn!

- Lass. Ich mach sowas nicht, das ist aufdringlich und irgendwie…

- Blöd? Entschuldige, dass ich es gewagt hab, deine werte Aufmerksamkeit …

- So mein ich das nicht … ich rück nur nicht gern Leuten auf die Pelle, die ersichtlich privat und unausgeschlafen unterwegs sind

- Hm, schwarzer Rollkragenpulli, schwarzes Sakko, schwarze Hose, Sonnenbrille, weiße Sneakers …

- … und die Sonntagspresse unterm Arm.. Privat also. Bundestrainer privat.

- Privatprivatprivat. Musst du immer auf den Sachen rumreiten …?

- …

- DA! Er kommt zurück! …

- Wer?

- Na, Jogi Löw! Zweite Chance!

- Ich will keine zweite Chance, ich wollte schon die erste nicht …

- Gutt! … Aber wenn ICH mal ersichtlich unausgeschlafen bin, dann biste nicht so zimperlich

- Jessas na …, ich geh mal vor die Scheibe, eine rauchen

- Isst du dein Hörnchen zuende?

- Nee, nimm ruhig…

- …

- …

- …

- Und? Zufrieden?

- Womit?

- Na, haste nich gesehn? Ich hab Jogi Löw draußen Feuer gegeben!

- Wem?

- Na, Jogi Löw! Dritte Chance genutzt …

- Ah, okay, nee sorry, hab Mails gecheckt, war’s nett?

Ich bin Stiller



Stiller. Roman. Der Ich-Erzähler White sitzt in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wird, identisch zu sein mit dem seit sechs Jahren verschollenen Staatsbürger Anatol Stiller, gegen den einige Rechtstitel anhängig sind. Um White=Stiller zu beweisen, konfrontiert die Justiz den Häftling mit den Zeugen der vormaligen Existenz Stillers: mit der Ehefrau, einer Geliebten, einigen Kollegen und engen Freunden, dem greisen Vater, usw. Alle erkennen in White den verschollenen Stiller. Alle sprechen mit White als Stiller, und so rekonstruiert White nach und nach das Leben Stillers und schreibt es auf, in seiner Zelle. Der mit der Aufklärung der Identität Whites beauftragte Staatsanwalt wird ein Vertrauter, bald gar ein Freund Whites, weil der Staatsanwalt in ihm jenen Stiller zu erkennen glaubt, für den ihn seine Frau sechs Jahre zuvor für einige Wochen verließ. Frappierende Umkehrung: Selber als Zeuge einer ihm zugeschriebenen Identität unbrauchbar, wird White zum minutiösen Aufklärer der Umstände, die zu Stillers Verschwinden führten, die – wie auch wir Leser vermuten – nur das Verschwinden dieses Häftlings, der sich als White ausgibt, sein kann. Aber White bleibt dennoch stur: Ich bin nicht Stiller! Die Justiz gestattet White Freigänge, die der Häftling zu Treffen mit Julika Tschudy-Stiller nutzt, der Frau des Verschollenen und als solche Zeugin einer katastrophalen Ehe gegenseitiger Hörigkeit aus Unvermögen. Der Plan geht auf, für Julika ist White Stiller und White verliebt sich in Julika. Nach und nach „bröckelt“ Whites White-Identität und er bekennt sich schließlich, Stiller zu sein, weil Julika Stiller liebt, und er nun wieder – oder endlich - Stiller sein kann. Aber ist White wirklich Stiller, ist er dieselbe Person? White unterzieht sich einer Zahnbehandlung, der Arzt kramt Stillers alte Röntgenbilder hervor, vergleicht sie mit dem Gebiss des vor ihm liegenden Patienten, und stutzt… nichts stimmt überein… und macht sich dennoch achselzuckend an die Arbeit. White ist nicht Stiller, er ist nicht dieselbe Person, aber er nimmt die Identität Stillers am Ende an, er hat sie studiert und aufgedeckt, er tritt wie gefordert (und was die Liebe betrifft: freiwillig) an seine Stelle. Also auch und vor allem als Ehemann Julikas. Das berühmte letzte Kapitel heißt „Nachwort des Staatsanwalts“, der Erzähler ist also ein anderer und gerade diese offizelle Staatsanwaltsperspektive, die die Faktizität des Existenzkontinuums „Stiller“ endgültig und beglaubigt wiederherstellt, ist folgerichtig diejenige, die kaltschnäuzig von der Katastrophe zum Ende hin berichtet.

Warum das nach 25 Jahren noch einmal lesen? Ich weiß es nicht. Ich kann nur einkreisen, vermuten, spüren, wie ich Dich einkreisen, vermuten, spüren kann. Stiller liegt auf Deinem abgerockten Kunststoffsofa, er klappt zu das Buch, und kann nichts anderes mehr tun, als Dir bei Deinen unbegreiflichen fraulichen „Verrichtungen“ (würde Frisch sagen) zusehen. Ohne Begeisterung, nach der Begeisterung, aber „glücklich“ (würde Frisch erst ab Montauk sagen). Aufgehoben, sicher, aufs Schönste von Dir aufgeräumt, Du willst jetzt nur Stillers Blick auf Dir spüren. Du willst einen unauslöschlichen Eindruck von Dir, Du willst Dich jetzt einbrennen für immer in Stiller. Ewigkeit: jetzt. Stiller ist äußerlich ruhig, Anmut ergötzt ihn, aber im Innersten ringt er nach einer Haltung zu Dir. Das kannst Du nicht begreifen. Unmöglich. Es ist unmöglich, darüber zu sprechen. Du brauchst noch keine Haltung, weil die Katastrophen noch vor Dir liegen. Bleib so, alles ist gut. Aber ich werde Deine erste Katastrophe sein, weil ich alles dafür hergeben muss, sie nicht zu sein.

Rue des Vosges 12/1966



CLICK!


Cecil Taylor à Paris von Luc Ferrari und Gérard Patris w/ Cecil Taylor, Jimmy Lyons, Alan Silva, Andrew Cyrille. Frankreich 1967.


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Cecil Taylor stibitzte mir mal Pommes vom Teller. Total Music Meeting 1997 im Berliner Podewil. Ich war verliebt und deshalb zu früh dran. Setzte mich also in die Caféteria des Podewil und bestellte Currywurscht mit Pommes und eine Halbe preußisches Bier, um mir bis zum Konzert die Zeit zu vertreiben. Ich mampfte so vor mich hin, da sah ich im Augenwinkel zwei Tüpen, die sich köstlich einen abgrinsten. Nebentisch, rechts. Potz Strahl, das sind doch Cecil Taylor und Evan Parker! Taylor ein Wasser vor sich, Parker ein Viertel Veltliner. Ich glotzte, dann grinste ich zurück, hob automatisch die rechte Hand zum Gruße, und wir drei verfolgten die Flugbahn der Messerspitze Ketchup, die das Portrait von Steve Lacy an der Wand nur knapp verfehlte. Evan lachte kurz auf, Cecil verzog keine Miene. Er fragte, ob ich Musiker wär. Ich sagte, nee, Kontrabass und Gitarre kann ich aber für den Hausgebrauch. Kontrabass war das Stichwort für Cecil; es folgte über die Bistrottische hinweg ein zehnminütiger Monolog über das Zusammenspiel von Piano und Kontrabass, von dem ich höchstens die Hälfte verstand. Während er monologisierte, sprang Cecil immer wieder kurz auf, um sich von meinen Pommes zu bedienen. Ich dachte nur immerzu, Wahnsinn, hier spricht in vollstem Ernst ein Kerl zu dir, der die totale Musik schon intus hatte, bevor du überhaupt geboren warst.


Macek



07/2014 - Baden-Baden, Höhe Südwestrundfunkgebäude

1992

Pulau Pinang (Malaysia), 1992

REISENDER. Die Mädchen verschwinden wie Atlantis.
CAMUS. Hier kannst du dich verstecken.
REISENDER. Warum?
CAMUS. Ein Mann stellt keine Fragen!

1994




Screenwriter's Blues
Mike Doughty.

Exits to freeways twisted like knots [twisted like nuts] on the fingers | Jewels cleaving skin between: BREASTS ... | Your Cadillac breathes four hundred horses over blue lines | You are going to Reseda to make love to a model from Ohio whose real name you don't know | You spin like the cadillac was overturning down a cliff on television | And the radio is on and the radioman is speaking and the radioman says: "Women were a curse | So Man built Paramount Studios and Man built Columbia Studios and Man built Los Angeles" | It is 5 A. M. and you are listening to Los Angeles | And the radioman says: "It is a beautiful night out there!" | And the radioman says: "Rock and Roll lives!" | And the radioman says: "It is a beautiful night out there in Los Angeles" | You live in Los Angeles and you are going to Reseda - | "we're all in some way or another going to Reseda someday: To DIE" | And the radioman laughs because the radioman fucks a model, too | Gone savage for teenagers with automatic weapons and boundless love | Gone savage for teenagers who are aesthetically pleasing | In other words: FLY! | Los Angeles beckons the teenagers to come to her on buses, Los Angeles loves love | It is 5 A. M. and you are listening to Los Angeles | I am going to Los Angeles to build a screenplay about mothers who murder each other | I am going to Los Angeles to see my own name on a screen five feet long and luminous | As the radioman says "It is 5 A. M. and the sun has charred the other side of the world | it'll come back to us and will paint the smoke over our heads in imperial violet" | It is 5 A. M. and you are listening to Los Angeles | You are listening to Los Angeles.




Breathing [to Borges]




Breathing. Maria Pia De Vito. Übertragen vom Napoletano ins Englische von Mark Wier. Breathing that breaks off | Grows measured and then snags | Becomes peaceful, then | Begins to heave again | Breathing that accelerates | A throbbing cauldron | Bursts into a rill of laughter | Breathing that leaves me breathless | But in the blessed realm of sleep | Your breathing and mine | Regulate themselves and blend | Their spasms spent | Waves that do not overlap | But are impelled on their way | By the same deep swell | Breathing full of catches | A shifting, motionless dance | A river made up of air | Of time, of my own being | Breathing that spells out | Words of no syllables | Giving tongue like the goldfinch | In a language none can scan | Breathing that commands reason | Like the string that guides a kite | Breathing without airs | What we take for glory | Comes to nothing | In a breath | Breathing that breaks off | Grows measured and then catches | Becomes peaceful, then | Begins to heave again | Breathing that spells out | Words of no syllables | Giving tongue like the goldfinch | In a language none can scan | I am not happy | But no matter | With each breath I take | I'll play the fateful game | One more dodgy step | Hopping on the grass | Another story for my daydreams



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This Is Our Music (II)


Click!

Das schenk ich mir selber. :)

Vier Miniaturen


Dannyboy
Hör zu, Dannyboy, ich erzähl dir jetzt mal was über Vertrauen. Jodie hat mir klippundklar zu verstehen gegeben, dass sie es als - gelinde gesagt - befremdlich empfand, dass ausgerechnet ich ihr so’ne Zecke, wie du eine bist, in den Pelz gesetzt hab. So’n Laberfinken wie dich, Dannyboy. Und weisste, damit das auch klar ist, es schockiert mich, wenn Jodie unzufrieden ist mit mir, es macht mich fertig, wenn ich der Grund dafür bin, dass Jodie einen Stress hat, verstehste. Halt die Fresse. Was glaubste eigentlich, was Jodie für’ne Frau ist, Dannyboy? Glaubste, die zieht sich die Hosen mit der Beißzange an? Glaubste das? Glaubste, die will ihre Zeit mit so Affen wie dir verschwenden? Zum Thema Vertrauen: Jodie geht – bislang mit Recht – davon aus, dass ein Typ, den ich mitbringe, automatisch in Ordnung ist, verstehste, automatisch in Ordnung, dass der es bringt als Mann, verstehste, dass der imstande ist, bei ihr was auszulösen, ums mal so zu sagen, verstehste, und dann laberst du Oberpfeife ihr eine ganze Nacht lang die Wanne voll, ich mein: geht das in deinen Kopf rein, dass ich jetzt saudumm dastehe vor Jodie, so wie einer, der einen dummen Scherz auf ihre Kosten gemacht hat, ja Dannyboy, der dumme Scherz bist du. Vor drei Tagen bist du reingeschneit und hast meine Bilder bewundert und dich auch sonst ganz anständig verhalten. Eins der Bilder, du siehst es vor dir, hat dir besonders gefallen. Ich hab gesagt: nimm’s mit, ich schenk’s dir, Daniel. Du hast abgelehnt und gesagt, boah, so ein Geschenk könntest du nicht annehmen. Da hab ich noch gedacht: sieh an, der Mann will Charakter zeigen undsoweiter, vorgestern hast du dir zehnmal Woody Shaws Blackstone Legacy bei mir komplett durchgehört und behauptet, das sei das Beste, undsoweiter, und ich hab gesagt: Nimm sie mit, die Platte, sie gehört dir. Das wolltest du auch nicht, blah-blah, und da hab ich mich zum ersten Mal gefragt: was will der Kerl eigentlich? Und gestern stell ich dir Jodie vor, ich stell dir eine Frau vor, die zu enttäuschen für mich der blanke Horror ist, verstehste, und vorhin sagt sie mir, dass du die komplette Niete wärst. Ray, ich hab mich die ganze Zeit gefragt, was der Kerl eigentlich will. Schon seltsam, was du neuerdings für Freunde hast. Das hat Jodie gesagt. Also, Dannyboy, was willst du eigentlich?

Das sensible Zeuch
Das Lied "Gestern noch" von Knut Kiesewetter war ja 1966 der Durchbruch für die Forderung nach neun, sensibln Männern, die auch Schwäche zeign und Trauer auslebn solln. Die Mädelz wolltn das damals so und Kiesewetter tat ihnen den Gefalln und komponierte den Song dazu. Vorher gab´s das ja nich: sensible Männer. Mein Grandpa zum Beispiel war noch so einer von der alten Schule. Er verfolgte jedes Heim- und jedes Auswärtsspiel und jedes Training der Jugendmannschaft, in der ich spielte, und das war für´n sensibln Enkel wie mich nicht immer das reine Vergnügn. Grandpas Anteilnahme am Spielgeschehn war derart rege, dass du dachtest, es kuckn 300 Leute zu, und nich die 30, die da tatsächlich rumlungertn. Oft rief er: Schottischer Flachpass, Bengel, das iss´n Befehl! - nujoh, irgendwann wurde mein Verein weit & breit nur noch "Die Schottn" genannt, bloß weil Grandpa nicht einfach mal die Klappe haltn konnte. Einmal platzte unserm einarmign Trainer, der selber ein harter Hund war, der Kragn, und er sachte zu Grandpa: Hörmah Schorse, du ruiniers unser Spiel mit dei´m Gezeter, das mentale Aufbautraining vonne ganzn Woche is für´n Arsch, wenn du da immer zwischenfunx. - Nix Menthol, maulte Grandpa zurück, dir geb ich gleich Menthol, du Schottntommy, du. - War also nich sonderlich überraschnd, dass Kiesewetter mit sei´m sensibln Song da´n wundn Punkt traf, und vieln Leutn goss er damit auch reichlich Salz ins Feuer. Aber nich mal er selbs ahnte wohl, dass er mit dem Song ´ne neunte Revolution auslösn würd - mit langhaarign Tüpen und Schnittchen mit Bart und Space Trucking und all dem sensibln Zeuchs. [SPON-Forum, 11.11.11]

Kill yr monster
Es war der Heilige Abend des Jahres 2004, als der ENTSETZLICHE bei uns Quartier bezog und wir zu Gastgebern eines MONSTERS wurden. An diesem Heiligen Abend entnahm der Weihnachtsmann dem Gabensack einen bunten Sarg aus Pappe, in dem der SATANSBRATEN heimtückisch grinsend schlummerte. Mit einer simplen Klemmbatterie hauchte der heilige Mann dem DING Leben ein und sofort begann es, unter obszönem Gelächter einen beispiellosen Veitstanz aufzuführen. Wir standen wie erstarrt vor diesem Schauspiel des BÖSEN, das Blut gefror uns in den Adern, Entsetzensschreie, Kindergeheul – es war allzu schrecklich. Noch in derselben heiligen Nacht packte ich den UNLIEBSAMEN von hinten am Schlafittchen, presste ihn in seinen Pappsarg zurück und schaffte ihn in den tiefdunklen Keller. „Hier kannst du bis zum Sanktnimmerleinstag vergammeln, ELENDER!“ rief ich. Tja, fast sieben lange Jahre gammelte der ENTSETZLICHE in unserem Keller also vor sich hin - heute habe ich ihn endgültig weggebracht und verscharrt an einem unbekannten Ort tief drin im düsteren Perlacher Forst. Denn während all der Jahre war ich in stockfinsterer Nacht immer mal wieder heimlich & leise ins Treppenhaus geschlichen und hatte in die Stille gehorcht. Und mir war jedes Mal, als wäre das lästerliche Meckern des SCHEUSSLICHEN aus tiefstem Kellergewölb an mein Ohr gedrungen. Seit heute ist endgültig finito, wir können wieder ruhig schlafen.

Love Story
Gestern sagte mir meine Zahnärztin: Ray, ich will dir die beiden bakterienverseuchten Backenzähne auch dieses Jahr nicht ziehen. Also nochmal Wurzelbehandlung und wir beide sehen uns nächstes Jahr im Oktober wieder. Wenn du bis dahin nicht draufgegangen bist vor Zahnschmerzen. Aber das riskiere ich. Wir sind noch nicht am Ende. Wir lieben uns, meine Zahnärztin und ich. Seit ich fast auf den Tag genau vor fünf Jahren erstmals in ihrer Praxis stand, mit meinen bakterienverseuchten Backenzähnen, und wir uns dusselig anstarrten und saublödes Zeug brabbelten, und wir vor Lachen fast nicht mehr einkonnten als SIE mit dieser riesengroßen Betäubungsspritze vor meinen Augen herumfuchtelte, im zarten Händchen das giftige Riesenteil, Gummihandschuhe, kastenienbraune Griechenaugen über Mundschutz, darin Kreternase, Haare schwarz und kurz, und ich ausrief: PENELOPE??!! und wir uns mit Tränen in den Augen über das Wunder der Liebe verölgötzten, undsoweiter. Jedes Jahr im Oktober überfielen mich seitdem mörderische Zahnschmerzen und ich suchte SIE in ihrer Praxis auf. Eine Oktoberliebe also. EINE Wurzelbehandlung pro Jahr an eigentlich seit langem unrettbar verlorenen Zähnen, immer im Oktober, jeweils für eine dreiviertel Stunde, allein um dem nächsten Oktober einen Namen zu geben. Insgesamt verbrachten wir nicht mehr als fünf Stunden miteinander. Fünf Stunden in fünf Jahren. Wenn ich im Oktober die Praxis betrat, war außer IHR kein Mensch zu sehen, wenn ich sie verließ, verabschiedete mich plötzlich eine Sprechstundenhilfe und das Wartezimmer quoll über vor dahingezauberten Patienten. Manche hatten Haustiere dabei. - Gestern machte ich endgültig Schluss. Ich sagte: Setz die Hebel an und zieh mir endlich die beiden Scheißbackenzähne, wir sind am Ende. Zum letzten Mal sah ich in diese Griechenaugen. Zum letzten Mal spürte ich ihre Schläfen und Augenbrauen unter den Fingerkuppen. Nächstes Jahr im Oktober wird SIE mich nicht mehr kennen, wenn ich mit irgendeinem anderen Zahnschmerz zu ihr komme.

Mysteriös, Baby



- Cathérine Jourdan ... den Typ Frau gibt's gar nicht mehr ...
- Unser Frauenkenner mal wieder ...
- Stimmt doch, oder?
- Pscht, sei doch leis!

Un poison violent


Eszter Balint vocals Marc Ribot guitars vocals J. D. Parran organ bass-guitar Roberto Rodriguez drums - Tzadik Records 1997.



Un poison violent, c'est ça l'amour
S. Gainsbourg

Qu'est-ce autre chose que la vie des sens,
qu'un mouvement alternatif
qui va de l'appétit au dégoût et du dégoût à l'appétit,
de l'appétit au dégoût et du dégoût à l'appétit...

Ah, j'm'en fous!

Ta gueule, laisse-moi finir!
L'âme flottant toujours incertaine entre l'ardeur qui se ralentit,
l'ardeur qui se ralentit et l'ardeur qui se renouvelle...

Ah! j'm'en fous!

Mais dans ce mouvement perpétuel, de l'appétit au dégoût,
de l'appétit au dégoût et du dégoût à l'appétit,
on ne laisse pas de se divertir par l'image d'une liberté errante.
Tu sais de qui c'est? Non?

Oh, t'es dégueulasse! Dégueulasse mon vieux!

Un poison violent, c'est ça l'amour
C'est comme en bagnole
Au compteur 180
À la borne 190
Effusion de sang

Voilà j'te donne un conseil.
Tu tiens à ta peau: laisse tomber!

Tu cours après une ombre, tu vois. Et c'est même pas la mienne.
On n'peut pas discuter avec toi. Tu prends tout à la blague.

Ah erreur! Erreur justement!
Un de ces quatre tu verras: tu m'rendras raison.
Écoute: Quand tu en auras marre
J'ai une petite pour toi
Complètement demeurée
Mais tellement esthétique

Oh te fatigue pas va! Allez salut!





We Free Kings





Quề Trân





Anthony Coleman keyboards
Wayne Horvitz keyboards
Ánh Trần vietnamese narration
Lyn Hejinian text
Tzadik, NYC 1992.





Sterkrade Soul Station



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Everyday will be like a holiday | When my baby, when my baby comes home | Now she's been gone for such a long time | Ever since she's been gone, she been on my mind | I got a letter today just about noon | She said, "Don't worry, I'll be home soon" | Everyday will be like a holiday | When my baby, when my baby comes home | I'll never have to worry about sitting by the phone | when she gets here I'll never be alone | She said she'd get here sometime today | I know when she gets here she'll never go away | Everyday will be like a holiday | When my baby, when my baby comes home
[William Bell / Booker T. Jones]

Everyday Will Be Like A Holiday. Holly Cole Trio plus Je Henderson. Manhattan Records 1993.



Stil still wirken lassen...



Lindau (Bodensee), Februar 2014.

Love/Air







Dee Dee Bridgewater voice
Reggie Workman double bass
Heiner Stadler comp
NYC, July 3rd 1973




Dee Dees größter Moment.



Strange Meeting 1&2


ray05 "Strange Meeting 1" - CLICK=GROSS

ray05 "Strange Meeting 2" - CLICK=GROSS

Dedicated to Markus, der mir erlaubt hat, seine Terrasse vollzuklecksen. :)

Der Alte Friedhof



Auch Freiburg hat einen Alten Friedhof.

Caroline aus Opfingen besuchte in Freiburg die Höhere Mädchenschule und mit 16 starb sie an Tuberkulose und dann schuf auf Geheiß ihres Onkels der Bildhauer Anton Burghart das Grab der Caroline und ein heimlicher Verehrer der Caroline schmückte die Figur auf dem Friedhof über Jahre hinweg in aller Heimlichkeit mit Blumen und in Freiburg ist es daher für manche bis heute schöner Brauch, der Caroline inkognito Blumen zu schenken.

Grab der Caroline Christine Walter (1850-1866)


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Da war also der alte Schmied und seine blutjunge Frau und eines Tages schob die blutjunge Frau dem Gesellen des alten Schmieds einen dicken Nagel in die Hand und befahl: hau dem Alten das Ding in den Schädel und wir sind frei, und das tat der Geselle und die beiden traten nach der Tat schleunigst vor den Altar, aber dummerweise mussten bald auf dem Friedhof einige Gräber verschoben werden und eines dieser Gräber war das des gemordeten alten Schmieds und so buddelten sie den alten Schmied wieder aus und da sah einer der Totengräber eine Kröte aus dem Schädel des alten Schmieds hüpfen und dabei den dicken Mordnagel freilegen und das wars dann. The postman always rings twice.

Totenschädel mit Kröte und Mordnagel ...
... unterm Friedhofskreuz. Buntsandstein.


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André Boniface Louis de Riquetti, Vicomte de Mirabeau [Mirabeau-Tonneau]; *30.11.1754 Paris; +15.09.1792 Freiburg
Und A. B. L. war der ultraroyalistische, fette, ausschweifende und quengelig-ungebärdige kleine Bruder des heute berühmteren ehemaligen Nationalratspräsidenten und Erotikdichters Mirabeau, aber A. B. L. war dennoch oft der gewieftere von beiden, denn er musste im Gegensatz zu seinem hochnotpolitischen Bruder nie in der Bastille übernachten, weil er immer rechtzeitig merkte, wann es galt Fersengeld zu geben. Einmal floh er nach Amerika in den Unabhängigkeitskrieg, in dem er als Oberst gar keine schlechte Figur gemacht haben soll. Seine letzte Flucht führte A. B. L. allerdings in die deutschen Lande, von wo aus er mit gedungenen Buben pausbäckige Feldzüge gegen sein revolutionäres Heimatland Frankreich führte. Finale Orgie in Freiburg, Schlag, Aus.

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Grabmal Bartholomäus & Johanna Herder.
Ja, Bartholomäus Herder gründete den mittlerweile berühmten Herder-Verlag, den es in unmittelbarer Nachbarschaft des Friedhofs auch heute noch gibt. Die Schlichtheit des von seinen Nachkommen gestifteten Grabmahls lässt unschwer darauf schließen, dass der Herderverlag die Kosten schon seit jeher im Griff hatte. :)

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Himmelsstreiter wider das Höllengezücht:


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1999 schmiss der Orkan "Lothar" eine Friedhofsplatane um, die seitdem aber unverdrossen weitergrünt. Die Freiburger nehmen diesen Umstand als Beweis für die Vortrefflichkeit alles Freiburgischen. Ja, so sind sie hier im südlichen Südwesten: der längste Wasserfall, die längste Seilbahn, der authentischste Trainer des sympathischsten Bundesligavereins, das ausgefuchsteste Mülltrennsystem, der tiefste Existenzialdenker, die coolste Friedhofsplatane, usw.



Lay-out (Adieu Freiburg)


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Parenthese



Noch Nacht. Die wenigen Autos kratzen an dir vorbei. Ein Tropfen moussiert unterm Hahn des Wasserspenders. Das Individuum neben dir ist ruhig, abwesend oder bereits tot. Du kreuzt deine Hände hinter dem Nacken, du kauerst angekleidet mit hochgezogenen Knien auf der schmalen Steinbank. Du schließt die Augen, du öffnest sie. Die Mikrobenformen auf deiner Netzhaut berühren einander, stoßen einander ab, einige verirren sich und explodieren. Du verfolgst einen Mond durch die Gassen der Altstadt. Du registrierst Metallschilder, auf denen eigenART, Enzo der Friseur und Puzzle-1-A geschrieben steht. Du siehst eine Spiegelgestalt durch die Schaukästen des Multiplexkinos schwimmen, sie könnte du sein. Im Dunkeln planst du Anschläge auf deine Schatten, unter den Laternen verübst du sie. Du liest „Flippern wie in alten Zeiten“ und das halbe Sandwich in der Innentasche drückt dein Herz. Die ersten Trambahnen des neuen Tags umlauern dich wie Trennstriche die zeitlose Parenthese, die dein Zuhause ist. Kein Gestern, kein Morgen. Du bist nicht fröhlich, du bist nicht traurig, du bist so selbstverständlich wie der Tropfen am Hahn des Wasserspenders.

Liebelei von Arthur Schnitzler. Theater der Immoralisten, Freiburg. R: Manuel Kreitmeier. 2014.

Hörst Du, Baby


Hörst du, Baby, ich lupf Hand um Hand.
Hörst du? … 'S rauscht und tost … Sag:
Was vom Individuum fänd sich wohl nicht
Von massig Krimskrams umhorcht?

Hörst du, Baby, ich lupf Lid um Lid.
Und auch das ist Krach bis zu Dir.
Hörst du, Baby, ich lupf Lid um Lid zwofach.
Warum bist du nicht an Ort und Platz?

Auf Schnaufzüg von mir
Fährt Sonn um Sonn auf und ab.
Vom Mundrand von mir
Kommt Duft zum Trankbottich.

So ist 'n Abdruck von winzigst Lauf und Schwung
Für Dich sichtbar in unhörbar'm Prunkstoff.
Drückt sich winzigst G'mütsaufruhr aus
Wo ich mal für Dich ansichtig ward.

Doch Dich sicht ich nicht.

[ray05]

Coup d'œil und Flag


"Coup d'œil" - CLICK=GROSS
"Flag" - CLICK=GROSS

Der ewige Brunnen.


Lyriksortiment, Hugendubel Konstanz am 22.02.2014. CLICK=GROSS.

Milford


ray05 "Milford". 2014. CLICK=GROSS

Selbstportrait


Selbstportrait. Freiburg 2014