Praha 2011


Der hier folgende Spaziergang durch die Prager Altstadt ist im Ergebnis kein leicht nachvollziehbarer Rundgang, sondern ein erratischer Zickzack-Kurs, erstellt nach Maßgabe der mir vorliegenden Bildaufnahmen, die samt und sonders an drei aufeinanderfolgenden Tagen der letzten Woche des Jahres 2011 entstanden. Aus drei Tagen Asphaltsafari ins Ungefähre wird hier also nachträglich ein zusammenhängender Streifzug konstruiert, der gut und gerne auch an einem einzigen Tag stattgefunden haben könnte. Was ich während der drei tatsächlich stattgefundenen Spaziergänge bei Tageslicht aufnahm, rutscht in der Konstruktion nach vorne, was in der Dämmerung oder bei Dunkelheit entstand, kommt an den Schluss. Ordnung muss sein, und wenn es irgendeine Ordnung ist. Logistisch und geographisch bedeutet das im Ergebnis somnambules Zickzack. Die Methode passt aber zu Prag, wo der kürzste Weg zum Ziel eh niemals ein direkter ist.

Start und Ziel soll die Altneu-Synagoge in Josefov [Josefstadt] sein, bis vor rund hundert Jahren das Judenviertel Prags, bis ins 19. Jhdt. von der übrigen Stadt abgegrenztes Ghetto.

Bild 1. Altneu-Synagoge
Zu Beginn stehn wir also vor dieser ältesten noch erhaltenen Synagoge Europas [1]. Wer dieses bedeutendste Gotteshaus der jüdischen Gemeinde Prags nicht schon von Bildern her kennt, der könnte bei der ersten Besichtigung glatt dran vorbeischlendern, so karg und unscheinbar steht es da. Neuere Erkenntnisse ergaben, dass die Synagoge wohl im 13. Jahrhundert entstand. In einem von der altehrwürdigen Beerdigungsbruderschaft herausgegebenen Buch von 1870 heißt es noch spekulativ: Wie weit man auch die sparsamen, geschichtlichen Notizen, Sagen und Ueberlieferungen zurück verfolgen mag, immer begegnet man dem Dasein der Alt-Neu-Synagoge; in welcher Zeit sie aber neu war, sucht man vergebens zu ermitteln. Die von Geschlecht zu Geschlecht fortgehende Tradition, dass ihre Grundfesten aus Steinen des jerusalemischen Tempels bestehen, beweist zur Genüge, dass schon die ältesten Geschlechter sie mit Ehrfurcht nannten, ohne ihren Ursprung angeben zu können. Die Synagoge könnte also gleich nach der ersten biblischen Sintflut hier in Prag erbaut worden sein; ich gestehe, mir gefällt diese legitimatorische, wenn auch unplausible, Sichtweise. Du betrittst die Synagoge durch einen recht engen Seitendurchlass und steigst erstmal neun Stufen hinab in eine Vorhalle. Ja: Drinnen befindest du dich unter Straßenniveau. Dann schlüpfst du in das von schmalen, gotischen Fenstern spärlich beleuchtete, länglich viereckige Schiff mit kohlschwarzen Wänden, bei deren Anblick man sich eines geheimen Schauers nicht erwehren kann, wie es noch 1870 berichtet wurde, nun, mittlerweile sind die Wände weiss getüncht, aber der unheimliche Schauer überkommt dich hier dennoch. Strenges Fotografierverbot, aber einer drückte 2006 trotzdem auf den Auslöser und lud das Bild in die Wiki-Datenbank. Hier ist es. Warum waren früher die Wände in der Synagoge "kohlschwarz"? Der Sage nach klebte daran jahrhundertelang das Märtyrerblut der Opfer des Pogroms von Ostern 1389, bei dem - je nach Quelle - 1000 bis 3000 jüdische Bürger vom Pöbel ermordet wurden. [Der König, unter dessen Schutz die jüdische Gemeinde stand, soll grad nicht im Lande gewesen sein]. Seitdem wird bis heute jedes Jahr zu Jom-Kippur in der Altneu-Synagoge der Augenzeugenbericht des Avigdor Kara verlesen. Gott, lass ihn kommen, den Tag der Vergeltung! Vertilge Frevel und Ruchlosigkeit, nimm auf unser gedrücktes Volk, ebne ihm eine Strasse in dieser wilden Welt ...

Gleich neben der Altneu-Synagoge: das Alte Jüdische Rathaus [2]. Schaust du das Uhrentürmchen auf dem Gebäude genauer an, kommst du ins Stutzen: direkt unter der herkömmlichen Rathausuhr befindet sich ein hebräisches Pendant, das linksrum läuft, also gegen unseren gewohnten Uhrzeigersinn [3]. Auch in der Prager Josefstadt gehen also manche Uhren anders, nicht nur in Bayern und in gewissen kafkaesken Alpträumen.

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Du überquerst die Maiselova in Richtung des Alten Jüdischen Friedhofs und betrittst damit den Bezirk mit der wohl höchsten Andenkenlädendichte Prags. Wo die Touristenschlange bis auf die Straße rausreicht, da bist du richtig, genau dort befindet sich irgendwo die Friedhofs-Kassa. Beim Anstehen kannst du dir überlegen, ob du dir einen Mini-, einen Medium-, oder einen Premium-Golem als Souvenir besorgst. Im Eintrittspreis für den Friedhof sind enthalten: Gräberfeld und diverse Museen außenrum. Du nimmst ´ne Kipa (früher: Yarmulke) vom Stapel und stehst plötzlich in einer Halle, deren Wände bis oben hin vollgeschrieben sind mit Namen. - Warum stehn da so viele Namen an der Wand, Paps? - Erklär ich ein andermal, wir müssen weiter.

Direkt auf´s Friedhofsgelände. - Warum stehen all die Grabsteine schief und krumm und wild durcheinander [4]? - Weil nach jüdischem Gesetz die Totenruhe heilig ist und kein Grab je wieder ausgehoben werden darf, so alt es auch sein mag. Irgendwann ist das Feld also randvoll mit Gräbern, dann wird der Friedhof für immer geschlossen oder es wird eine neue Erdschicht aufgetragen für neue Gräber über den alten Gräbern. - Und da ist er auch schon: der Grabstein des Hohen Rabbi Judah Löw [5+6], des sagenumwobenen Rabbi Löw, des Philosophen, Astronomen und Talmudgelehrten, der den Golem aus Lehm erschaffen, betrieben und nach einigen unvorhergesehenen Zwischenfällen wieder stillgelegt haben soll. Ratgeber Kaiser Rudolfs II auf dem Hradschin, Fachsimpler mit Kepler und Tycho Brahe ... - Ja und wo ist der Golem jetzt? - Naja, die Legende sagt, er sitzt in der Altneu-Synagoge ganz oben unterm Dach als vertrockneter Lehmhaufen. Golem heißt ja "der Formlose, der Seelenlose" - also: der Dumme - und das war er ja bereits, als er noch für Rabbi Löw arbeitete und die Juden hier beschützte. Viel Kraft, nichts im Kopf, ein reiner Befehlsempfänger und Robotnik, so war´s vom Rabbi auch gedacht. - Aha. - Da, ein prächtiges Familiengrab; und zwar das der Edlen von Treuenberg. Er diente drei Kaisern, sie war fromm und mildtätig, heißt es im Buch der Bestattungsbruderschaft.

Ah, Jiri Barta:



Wann gibt´s Palacinka? [8] Und wo? - Gleich hier um die Ecke. - Nimm die Spanische Synagoge als Mittelpunkt und zieh einen Kreis mit r=200m, dann hast du alle Verpflegungsstellen, die in Prag was taugen, da drin. Im Kreis. Von der günstigen alttschechischen Kneipe über Kosher, alle möglichen Bistros, Pizzerias und Cafés bis hin zum Nobelitaliener mit Münchner Preisen. Nobel speisen braucht´s aber gar nicht in Prag, weil man Spitzengoulasch mit Knödel in dieser Gegend an fast jeder Ecke bekommt. Davon aber später mehr Berichterstattung.

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Schräg vor der besagten Spanischen Synagoge, die wir jetzt mal schweren Herzens rechts liegen lassen, befindet sich ein kleines Plätzchen [Dusni x Vezenska], auf dem Franz Kafka zu sehen ist, wie er auf den Schultern einer kopflos-hohlen Figur sitzt und den rechten Arm ganz seltsam anwinkelt [9]. Mir gefällt diese Plastik. Ich setz mich auf ein Bänkchen mitten auf den Platz und schau den Kafka an [10]. Oder ist das gar nicht Kafka? - Du siehst auf Fotos irgendwie komisch aus, Paps.

Eigentlich hatte Kafka mit dem Judenviertel, der Josefstadt, gar nicht so viel zu tun, denke ich. Obwohl er zu Beginn des ersten Weltkriegs zweimal für sehr kurze Zeit in der Bilkova wohnte, wo er den Process begann und wo wir soeben unsere Pfannkuchen aßen. Dann besuchte er 1911/12 einige Vorstellungen eines ostjüdischen Theaterensembles im Café Savoy in der Vezenska Nummer 9. Existiert das Savoy noch an dieser Stelle? Zehn Minuten zuvor sind wir dran vorbeigelaufen.

Aber Kafkas alltäglicher Schaffenskreis zwischen Wohnung und Laden der Eltern, diversen eigenen Wohnungen, sowie Ausbildungs- und Arbeitsstätten erstreckte sich eher im Bereich "Alter Ring" [der alte Rathausplatz] und südlich davon. Zudem dürfte Kafka die Josefstadt hauptsächlich als riesige Abbruchhalde und Baustelle erlebt haben, denn von 1893 bis in die 1920er Jahre hinein wurde die Josefstadt mit Ausnahme des alten jüdischen Friedhofs und ein paar offiziellen Gebäuden und Synagogen komplett abgerissen und neu aufgebaut. Dies geschah wegen der "hygienischen Zustände" dort, und das meinte nicht nur verrottete Bausubstanz und grassierende Rattenplage im uralten Judenviertel, sondern auch die "sozial-hygienischen" Zustände eines im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Armen- und Rotlichtviertel heruntergekommenen Stadtteils. So, wie sie dieses Foto von 1898 zeigt, dürfte Kafka die historisch gewachsene Josefstadt höchstens noch als Jugendlicher gesehen haben. Im übrigen fällt mir Alfred Kubins Traumstadt Perle ein, wenn ich dieses Bild betrachte, Caligari, Der Student aus Prag, expressionistische Bühnenbildnerei ...

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Sitzt da Tamara Lempicka am Steuer [11]? Ach wo, Entwarnung. Wir kamen die Dlouha runtergelaufen, erhaschen links schon mal einen Blick auf den crowded Staromestske Namesti, den Alten Ring, den Alten Rathausplatz mit all den Postkartenwahrzeichen und Fressbuden, streben aber scheuklappenmäßig direkt auf Franz Kafkas Geburtshaus zu. Das Gebäude liegt nur wenige Meter vom großen Zentralrummel entfernt, und so behalten wir den Duft von geräuchertem Prager Schinken und Trdlnik auch an diesem weihevollen Ort [12] noch in der Nase. Kafkas Geburtshaus beherbergt heute eine Kneipe - klar - und eine kleine Ausstellung [13], die mühsam-rechtschaffen versucht, den Schriftsteller und sein Werk visuell herauszuarbeiten. Ein ungefähr 30 Jahre altes VHS-Video loopt vor sich hin, man erkennt und hört kaum noch etwasvon dem Werk, dann jüdische Reliquien, Originalausgaben und unübersichtliche Schautafeln in Glasvitrinen. War gut!, sagt die versammelte holde Weiblichkeit wie aus Trotz, ich verstehe die Welt wieder einmal nicht mehr, in diesem Moment halte ich mich für den einzigen verständigen Kafkaexperten in Prag und in der Welt, - aber OK, wir haben jetzt eh alle einen Mordshunger und der relativiert so manches. :)

Jetzt endlich im Menschengewühl des Staromestske Namesti, dort steht das gigantische Jan-Hus-Denkmal. Hus ist der Identifikationstscheche par excellance. Als sie kurz nach dem ersten WK hier die tschechoslowakische Republik gründeten, räumten sie erstmal den alten Habsburger Marienkram vom Platz und stellten ihren Jan Hus auf. - Was ist so toll an ihm, Paps? - Na, Jan Hus führte hier die tschechische Schriftsprache mit all den Häkchen und Kringeln über den Buchstaben ein. Erst Jan Hus machte es möglich, dass die Tschechen ihre eigene Sprache überhaupt tschechisch und nicht deutsch-latein aussprechen konnten, gewissermaßen. - Aha, und sonst? - Na, Jan Hus hat damals was Unglaubliches behauptet, und nur die Tschechen haben gesagt: OK, Hus, du könntest richtig liegen mit deinen Behauptungen, aber ganz egal, Hauptsache, du behauptest all das auf tschechisch. - Und WAS hat er behauptet? Paps, du nervst langsam mit deinen weitläufigen Erklärungen. - Jan Hus hat allen Leuten gesagt und versucht beizubringen, dass es völlig wurscht ist, ob du an einen Lieben Gott glaubst oder nicht, oder an welchen Lieben Gott du jetzt glaubst, oder ob du jetzt immer brav sonntags in die Kirche zum Gottesdienst gehst oder daheim ausschläfst; er hat gesagt: das ist alles unwichtig, auch Ungläubige kommen in den Himmel, wenn sie auf der Erde, während sie leben, Gutes tun. - Und das mochten die Bösen, die trotzdem in die Kirche gehen, überhaupt nicht, oder? - So isses, klar erkannt. Das bedeutete nämlich, dass die gläubigen Bösen am Ende in die Hölle wandern, versteht ihr den Twist? Schon viele Jahre vor unserm Luther war es Jan Hus, der die meisten Pfaffen für ausgemachte Teufel hielt und das denen ins Gesicht sagte. Viele Jahre lang wurde daher gefordert, dass Jan Hus diese Behauptung zurücknimmt, aber er blieb standhaft. - Und dann? - Dann haben sie ihn angeklagt, verurteilt, und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der oberste deutsche Reichspolizist kam noch rechtzeitg angeritten und hat den Befehl zum Anzünden gegeben. - Was für´ne ungerechte Scheiße! - Das könnt ihr hupen, Mädels.

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Stichwort Trdlnik [15+16]: Trdlnikstände gibts massenhaft auf dem Staromestske Namesti. Hefeteig wird auf eine Holzwalze gezogen und langsam über offenem Feuer gegrillt. Dann wird der Trdlnik in Zucker, Nüssen und Mandeln gewälzt und goldbraun fertiggegrillt. Kann man auch problemlos daheim herstellen, mit Nudelholz im Backofen. Der echte, duftige Trdlnik entsteht jedoch über offenem Feuer. Von Ungarn hört man immer wieder, dass der Trdlnik gar nicht aus Prag kommt, sondern aus Ungarn, ja, mehr noch, dass er nicht mal Trdlnik heißt. Slowaken schwören, dass kein Tscheche jemals einen ordentlichen Trdlnik hinbekommen hat, schließlich sei das eine slowakische Nationalspeise mit einer slowakischen Geheimrezeptur, die nur ein Slowake mit der richtigen slowakischen Walzendrehtechnik fachgerecht herzustellen vermag. Viele Deutsche und Japaner sagen, heh, der Trdlnik ist doch ein Baumkuchen, aber da irren die sich. Der Baumkuchenteig wird zwar auch auf ´ne Walze gezogen, ist aber nie und nimmer ein Hefeteig. Außerdem besteht der Baumkuchen aus mehreren Schichten Baumkuchenteig, von denen jede für sich erstmal goldbraun gebacken werden muss, bevor die nächste Schicht Baumkuchenteig an der Reihe ist goldbraun gebacken zu werden. So. Deswegen heißt der Baumkuchen ja Baumkuchen, weil er im aufgeschnittenen Servierzustand als Baumkuchenkringel goldbraune Schichtübergänge aufweist, die aussehen wie die Jahresringe eines Baums. Außerdem kann der Baumkuchen nie ein Trdlnik sein, weil ... - Ja doch, Paps! - Mein ja nur ... übrigens da vorne gibt´s den originalauthentischen Prager Schinken [18]! - Und der kommt jetzt wirklich aus Prag, oder? -

Trotz Menschengedränge [19] zuckeln auch Fiakr-Gespanne quer über den Markt. Das Verhalten der Dame mit dem Trdlnik [17] erweckt etwas den Eindruck, als wolle sie ein Fiakrpferd mit Trdlnik füttern, nun, das ist ein ganz falscher Eindruck, schon allein deshalb, weil die Fiakrpferde gar kein Trdlnik mögen. Sie versuchen lediglich, den Zucker vom Trdlnik herunterzuschlecken. :)

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Während die einen vor dem alten Rathausturm Faxen machen [20], bestaunen die anderen die wohl erstaunlichste technische Meisterleistung des späten Mittelalters, die Astrologische Uhr nämlich, die heuer ins 602. Betriebsjahr geht. Das Filmchen hier zeigt, was zur vollen Stunde geschieht. Der Sensenmann rechts am Zifferblatt schlägt die Stunde mit einem Glöckchen, darüber schütteln zwei andere bewegliche Figuren namens "Habgier und Wollust" die Köpfe, und über dem Zifferblatt erscheinen die zwölf Apostel. Im Moment des Abgangs der zwölf, dreht der Sensenmann kurzerhand in seiner Linken das Stundenglas. Das war jetzt ein grober Abriss des vielfältigen Geschehens da oben an der Uhr, es sollen noch unzählige weitere präzisionsmechanische Tricks und dreifache Böden zum Einsatz kommen, von der Art, wie sie der postmoderne Mensch gar nicht mehr erfassen kann, und ich würde ja gern mal das Uhrwerk in Augenschein nehmen, das all das anschiebt. Mein Heißhunger, mechanische Lösungen im grenzwertig-romantischen Geniebereich zu besichtigen, ist ungestillt. Manchmal träume ich nachts von der Bühnenmechanik des Barocktheaters in Krumlov und der Traum endet immer damit, dass ein goldenes Zahnrad oben am ... - Alles roger, Paps? Du schaust so seltsam, soll´n wir jetzt ein Bild von dir machen? - Ach, Leut ... wisst ihr, dass die Uhr auch öfters mal für Jahre stehenblieb, und der Prager Bürgermeister niemanden fand, der imstande gewesen wäre, das Teil zu reparieren, weil es niemanden gab, der genau abcheckte, welches Zahnrad welchen Riemen und welche Welle undsoweiter, klar? - Nee. - Egal. Jedenfalls bedeutet es Glück, wenn die Uhr läuft, und Pech, wenn sie stillsteht. - Chlor, Paps. - Wie wär´s mit ´ner zünftigen Turmbesteigung zwengs Überblick [21]? - Och nö, andermal.

Bild 22 gerät schon aus dem Blickfeld, nun, das ist die Teynkirche, in der Tycho Brahe seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Tycho war ebenfalls ein Genie der Mechanik, aber eigentlich war er Astronom, der sich seine technischen Gerätschaften selber bauen musste, weil die, die er brauchte, noch gar nicht erfunden waren. Tycho gehörte zu den letzten Sternekuckern, die Himmelskörper noch nach der Kimme-Korn-Methode bestimmten. Trotzdem schaffte er es, die exakte Dauer eines Erdenjahres bis fast auf die Sekunde genau auszurechnen. Tycho und Rabbi Löw waren Disputanten, Kepler war als Assistent Tychos auch dabei, wenn es um die entscheidende Frage ging, die auch den Kaiser Rudolf mehr als alles andere umtrieb: WTF passiert da oben und was macht wer mit uns, und wenn: was dreht sich eigentlich um wen und wodurch? Tycho versuchte zu beweisen, dass sich die Sonne um die Erde dreht, aber alle anderen Sterne um die Sonne. Bizarr. Auf einem Plattencover von Sun Ra ist Tycho Brahe abgebildet. Ah, Kaiser Rudolf, die Alchemisten, und der Golem rutscht auf Schmierseife aus.

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Die Zelezna Richtung Ständetheater, aber da kommen wir nie an, weil sich schon nach 50 Metern rechts ein unwiderstehlich geheimnisvolles Gässchen auftut, die Kozna [23]. Dort hinein! rufe ich, das ist unser erstes verwinkeltes, geheimnisvolles Gässchen! - Die Pizzeria dort ist aber gar nicht geheimnisvoll! - Doch, die ist auch geheimnisvoll, und ob die geheimnisvoll ist, do toho! - Später im Hotel werden wir lernen, dass wir an dem Haus, in dem der legendäre Journalist Kisch sein erstes Licht der Welt recherchierte, unwissend vorbeigelatscht sind. Dort, wo wir hätten achtsamer sein sollen, biegen wir in die Michalska und stehen dann etwas ratlos an der Ecke Vejvodova [24]. Und wohin jetzt? - Öhm, hier irgendwo lebte Max Brod, Kafkas bester Freund! sag ich, und das ist gar nicht mal gelogen. - Und wo genau? - Ja, das interessiert euch jetzt, nicht wahr? - Eigentlich nicht so wirklich... - Na, dann zurück zum Altstadtring, aber wir nehmen einen anderen Weg [25], do toho! [Gottseidank, aus der Nummer bin ich raus].

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Zurück im Marktgetriebe des Altstadtrings. Zwischen Teynkirche und Kinskypalais schlüpfen wir ins gar nicht geheimnisvolle, aber recht malerische Teyngässchen [26]. Apropos Kinskypalais: Dort oben am Balkon rief Gottwald genau jene sozialistische Volksrepublik aus, die Vaclav Havel vier Jahrzehnte später - genau an derselben Stelle stehend - wieder für beendet erklärte. Freilich nutzte Havel die Gelegenheit, seinerseits eine brandneue Republik auszufufen. Apropos Havel: Der frühere Dissident und spätere Präsident starb nur ein paar Tage vor unserem Eintreffen in Prag, und an vielen Orten sehen wir Gedenktransparente, -bilder, Andachtskerzen. Apropos Teyngässchen: Wir befinden uns direkt auf den Spuren des kleinen Franz Kafka auf dem Weg zur Volksschule. Rechts abgebogen auf die Stupartska, rechts das Hotel mit dem erstaunlichen Namen Metamorphis [27], geradeaus durch die Theater-Passage direkt auf die Celetna. Dort läuft mit uns der kleine Nick [28] über die Straße. :)

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Strange meeting [29], dann strange museum [30], dann strange m ... mansion [31]. Das Haus zur Schwarzen Mutter Gottes, das erste kubistische Gebäude Prags, erbaut 1911. Im ersten Stock kein Artdeco-Café, kein Jugenstilcafé, nein, freilich eins mit Ecken und Kanten: das kubistische Grand Café Orient. Aber was die schwarze Madonna damit zu schaffen hat, das muss ich erst noch rauskriegen. Womöglich war sie bereits Bestandteil des Vorgängergebäudes dort.

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Die Celetna ist in Prag das, was in München die Kaufinger-/Neuhauser Straße ist: Geschäftsstraße und Fußgängerzone. Sie endet am Pulverturm [32], der nur auf meinem Bild ein schiefer Pulverturm ist; ab hier fängt die Neustadt an. Links vom Pulverturm öffnet sich der Platz der Republik [Josefsplatz] mit der Alten Stadthalle, den Eingängen der unterirdisch extrem weitläufigen U-Bahnstation und der von halb Cechy frequentierten shopping mall Palladium. Wir lassen all das links liegen und gehen weiter geradeaus auf der Celetna-Achse, die ab dem Pulverturm Hybernska heißt und geradewegs am Prager Kempinski vorbei zum Hauptbahnhof führt. Was wollen wir hier? An der Ecke Hybernska/Diazdena soll das Café Arco liegen, 1907 erstmals eröffnet, damals ein bekannter Künstlertreff, in dem Kafka bis Ende des Weltkriegs mit Leuten wie Werfel, Brod, Haas, Kisch und einigen anderen Journalisten verkehrte. Vom Arco ist bekannt, dass die Kellner jeden Gast nicht nur obligatorisch mit akademischem Grad und Berufsbezeichnung - wie in Österreich bis heute üblich - ansprachen, sondern ausdifferenzierte Anrede-Untergruppen bildeten. Leute wie Franz Werfel wurden im Arco also ganz unironisch als die Herren Lyriker begrüßt. :) ... OK, schon gut, die Zeiten ändern sich [33]. Wir setzen uns ins Café gegenüber [34]. Apropos tschechisches Bier: Man sollte hier zumindest tagsüber kein Bier in der Kneipe bestellen, wenn man sich nicht auskennt damit, es sei denn man trinkt Pilsner Urquell. Vor der Marke Staropramen sei hier ausdrücklich gewarnt: du bestellst ganz normal pivo, und bekommst dann dieses Gesöff hingestellt, das zweifelsfrei wie Bier schmeckt, gegen dessen Wirkung aber alles, was in Deutschland unter dem Begriff "Maibock" firmiert, ziemlich harmlos ist.

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Leutselig in die U-Bahn, eine Station bis zum Wenzelsplatz. Dort eine Schweigeminute [35] für Vaclav Havel eingelegt. Dann über die Kreuzung zum Gebäude jener Versicherungsgesellschaft, für die Franz Kafka ein Jahr lang arbeitete [36], bevor er die dauerhafte Stelle bei der Arbeiter-Unfall-Versicherung bekam. Die Zeit außerhalb des Büros fresse ich wie ein wildes Tier. :) Heute sind dort (Ecke Jindrisska) unter anderem die Turkish Airlines und ein H&M-Laden untergebracht. H&M, trifft sich gut, nix wie rein, Papa wartet draußen und raucht derweil eine, oder auch zwei oder drei. Manche Dinge bekommst du nie zusammengedacht. Ja, und du? Schau dich mal an, seit zehn Jahren trägst du ein und dieselbe schwarze Lederweste! - :) Wie vom Wenzelsplatz zur Karlsbrücke gelangen? U-Bahn? Iwo. Wir bestimmen die ungefähr einzuschlagende Richtung [West-Nordwest] und entscheiden uns für einen erstmal rein theoretischen Kurs durchs Labyrinth der schmalen Gassen und finsteren Durchlässe, deren Verläufe und Namen auf dem Stadtplan kaum nocherkennbar sind. Mit ein bissl Pfadfinderglück stoßen wir in zwanzig Minuten auf die Karlova, und von dort aus ist es nicht mehr weit bis zur Moldau, sag ich. Do toho!

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Und wir haben Glück: nur ein einziges Mal verpassen wir einen Tordurchlass und geraten in die Sackgasse. Aber genau so stellt man sich das vor in Prag: mal minutenlang nur mit den eigenen Schatten als treuen Begleitern im funzeligen Laternenschein ins Ungefähre stolpern [38]. An der Karlova reihen wir uns dann wieder in den langen, ruhigen Fluss des unversiegbaren Menschenstroms ein, der, vom Staromestske Namesti kommend, den "offiziellen" Weg zur Karlsbrücke nimmt. Bevor du den Weg über die Brücke antrittst, musst du an der Krizovnicka die berüchtigte Fußgängerampel deutscher Bauart passieren, beim Warten siehst du rechts den riesigen Komplex der tschechischen Nationalbibliothek, des ehedem als Jesuitenkolleg gegründeten Clementinum [39]. Der Tag wird kommen, irgendwann, da stoßen wir das Tor auf und erkunden auch dieses Terrain, und wenn ich mich dafür extra an der Karlsuniversität immatrikulieren müsste, ich will da rein! :) - Zum Clementinum gehört die Salvatorkirche, derzeit dem Gedenken Vaclav Havels teilgewidmet [40].

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Dreißig steinerne Heiligenfiguren säumen beidseitig die Karlsbrücke: die sogenannten "Brückenheiligen". Erst 1683, also gut 300 Jahre nach der Grundsteinlegung durch Kaiser Karl IV, kamen sie auf die Idee mit den Figuren, und die allererste, die sie aufstellten, war die vom Heiligen Nepomuk [42]. Johannes Nepomuk ist ja nicht nur der Nationalheilige Tschechiens, sondern auch Bayerns; sein Grab befindet sich in Sichtweite, oben auf dem Hradschin im Veitsdom. Ein anderer Heiliger, dem du auf der Karlsbrücke begegnest, ist Johannes der Täufer [41], und nach etwa einer halben Stunde Leibergeschiebe, Schauen & Staunen stehst du auf der anderen Seite der Moldau [43] - auf der "Kleinseite" Prags -, rechts strahlt auf kunstlichten Höhen Sankt Veit. Aber den Hradschin werden wir heute nicht mehr hinaufkraxeln, wir machen kehrt - uns steht der Sinn nach´ner schönen derftigen Mahlzeit, beim Nepomuk! :)

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Der Weg an den Futtertrog führt geradewegs zurück auf den Staromestske Namesti, doch jetzt stoßen wir von der Westseite auf den Platz, kämpfen uns noch einmal vor zur astrologischen Uhr am Alten Rathaus, wo die Zehntausend bereits ausharren und auf das Erscheinen der zwölf Apostel warten; wir warten mit, die Köpfe im Nacken, es ist fünf vor acht, der nach links schweifende Blick ruht noch einmal auf dem Minuta-Haus [44], in dem die Familie Kafka mit dem kleinen Franz von 1889 bis 1892 lebte, und in dem alle Schwestern Kafkas zur Welt kamen, und nach dem Apostelabgang drehen wir noch einmal die Runde zum nahen Kafka-Geburtshaus, und passieren einen der beiden Läden der Prager "Absintherie" [45], und der Kohldampf schärft den Orientierungssinn, so dass wir die Maiselova hoch in die Josefstadt schon wie selbstverständlich sofort finden, diese hochstechen, am Golem-Restaurant [46], das leider keinen sehr guten Ruf genießt, vorbei, bis zur Ecke Kostecna, dort rechts weg, - Hallo Zweigstelle "Agent provocateur" [50] - und wie Verdurstende stürzen wir hinein in den Kellertempel alttschechisch-altbayerischer Traditionskost, hinein ins Knödel-Schnitzel-Goulascheldorado, hinein ins rauchgebeizte Eichenholztischparadies der Biertrinker und Dicksoßenschlemmer, hinein in die Krcma [48+49] zum Soulfood: Rindsgulasch mit Kren, hausgemachte Kartoffelpuffer und Semmelknödel / Rinderlendenbraten auf Rahmsoße, Semmelknödel, Preiselbeeren / Schweinsbraten mit Knödeln und Sauerkraut / Entenbraten mit Blaukraut / paniertes Schweineschnitzel mit Pellkartoffeln / gebratene Schweinshaxe in Biersoße, traditionelle Beilage, Sauerteigbrot / Rippchen mit traditioneller Beilage, Sauerteigbrot. Fleckerlsupp und saures Lüngerl stehen in der Karte etwas weiter hinten. Dobrou chut! Na zdravi! Von der urtümlichen Krcma sind es nur wenige Minuten Fußweg zum noblen "King Solomon" [47], einem universumsbekannten kosher restaurant in der Sirocka. Michelle Obama speiste schon hier, auch Ministerpräsident Netanjahu. Michelle schrieb ins Gästebuch so etwas wie: Verlasst euch drauf: ich komme wieder! Netanjahu betonte nachdrücklich, dass auch internationale Beziehungen schließlich durch den Magen gehen, undsoweiter.

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Ja, und zwei Minuten später stehen wir wieder am Ausgangspunkt unserer Prager Schnitzeljagd: vor der ewigen Altneu-Synagoge [51]. Und wieder hat sie ihrer so langen Geschichte einen weiteren Tag hinzugefügt, nein, halt, es waren ja eigentlich drei Tage. :) Und jetzt schleunigst ins Hotel vor die Glotze: zum letzten Drittel der Hokej-Spitzenbegegnung Slavia gegen Kladno könnten wir´s grad noch schaffen.

ANHANG

Hier noch ein paar add-on´s, hauptsächlich Hradschin und Kleinseite.

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Bild 52: Die Moldau von der Karlsbrücke aus gesehen, und zwar genau im Rücken der Nepomuk-Steinfigur, siehe auch Bild 42.
Bild 53:Jimmy Page Der Heilige Nepomuk auf seinem Hochgrab, geschaffen von Fischer von Erlach, im Veitsdom auf der Prager Burg oben.
Bild 54: Das Alchemistengässchen auf der Burg, unter dem Namen Goldene Gasse von Prag weltbekannt. Auch Franz Kafka wohnte einmal für kurze Zeit in einem der heute museal hergerichteten Häuschen, in denen man leidlich originale Interieurs hinter Glas betrachten kann. Wurde hier tatsächlich stets ehrbar-goldnes Zunfthandwerk betrieben? Nun, in Wirklichkeit war die goldene Gasse die meiste Zeit über der Burgstrich. Seit die historische Gebäudezeile komplettsaniert wurde, wird übrigens Maut für´s Passieren verlangt.

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Bild 55: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebte in Haus Nr. 17 die Apothekerswitwe Matylda Prusova, die unter dem Namen Madame de Thebes Wahrsagerei betrieb. Da sie den Nazis einen schnellen Untergang prophezeite, wurde die alte Dame eingekerkert und ermordet.
Bild 56: Matylda Prusova lebte in der Gewissheit, dass ihr im ersten Weltkrieg gefallener Sohn dereinst wohlbehalten heimkehrt.
Bild 57: Svejk und Hary Potr gehören in Prag zu den beliebtesten Marionettenfiguren. Rechts, sind das Lolek & Bolek? Und wer ist der Kerl da links? -

Und jetzt zum Abschluss die Zusammenfassung. :)


Der Moldauangler.

Kommentare:

  1. 15 und 16 sind jetzt sehr ungerecht!! Einfach mal den Duft von Prager Trdlnik hier verbreiten, was!

    Wunderbarer Travelogue, so muß das. Bild 2 beim eigenen Zickzack 2010 an exakt derselben Stelle genau so gemacht. Altneu too, of course. Da war eine Taube, die von ihrem Platz im dunklen Ziegelgiebel ständig abhob, um nach einer kurzen, sehr merkwürdigen Flugkurve wieder zurückzukehren. Gut, Brandschutzmaßnahmen. Die Tauben der Altneu sind ja verwandelte Engel, die die Synagoge vor Feuer schützen. :)

    Von der "Unter der Bedingung, daß"-Überlieferung abgesehen, gibt es zur Synagoge, die schon immer da war, ja auch die Legende, daß, als die Ältesten der Prager jüdischen Gemeinde beschlossen hatten, ein schönes Gotteshaus aus Stein zu bauen, der Werkplatz zum Tummelplatz für Kinder wurde, sobald die Arbeiter gegangen waren, und eines Tages ein kleiner Junge sich das Knie an einem Stein blutig schlug. Die Kinder wollten ihn ausgraben, aber es war kein Stein; was sie freilegten, war altes Mauerwerk, das immer höher wuchs - eine aus uralten Steinquadern gefügte Wand, angeblich fand man auch eine Pergament-Schriftrolle, und so bemerkten die zufällig gerade anwesenden Weisen aus Jerusalem: zur Zeit des Tempels haben hier Juden gewohnt und an dieser Stelle ihr Heiligtum gehabt, baut hier, verwendet die Steine beim Neubau. Ein blutiges Jungsknie führt zum SCHON IMMER, sehr schön.

    Sehe Deine Photos und Dein Erkunden der Stadt der geheimen Schauer wehmütig, aber hochentzückt. Nebenbei, nur falls Du es nicht kennst, sehr schöne Bilder (auch ältere) vor allem aber eine wunderbare Sammlung all der Legenden, antiquarisch sehr günstig: "Das Prager Ghetto" von Lion Lukas Martemucci.

    Egon Erwin Kisch soll ja in den Dachboden gespäht haben, an der Seite die Fassade hochkletternd, die man auf deinem Photo sieht. Und natürlich sah er nichts. Aber natürlich hatten sie den Golem weggeräumt, bevor Kisch kam. :)

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  2. Bestellt, den Martemucci. Danke für den Hinweis. Meine Güte, der Pragkomplex hat das Zeug zur Obsession bei mir ... :)

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  3. Obsession, Du sagst es. War so oft (und so SEHR) in Paris, daß ich dachte, das würde auf ewig my favorite place on earth sein… bin mir nicht mehr sicher. :) LOVE your report, nutze jede freie Sekunde, um zu schauen, ob's weitergegangen ist, special thanks für den Trdlnik-Exkurs. :)

    Nur damit wir hier niemandem Unrecht tun: "Lion Lukas Martemucci" sind drei Autoren bzw. : Text von J. Lion, Photos von J. Lukas / H.L. Martemucci. Die meisten Photos im Sepiaton, it feels right.
    Lese ja immer noch "Der ewige Sohn" von Peter-André Alt, wahrscheinlich schon Dein, wenn nicht, auch unbedingt Platz machen im Regal dafür. Vermutlich nichts Besseres über Kafka gelesen bisher, und: aus so vielen Aspekten, die Kafka betrafen, wie man sie aus den Tagebüchern kennt, macht Alt mäandernd ein eigenes Kapitel, man erfährt so viel über Löwy und seine Schauspieltruppe, das jiddische Theater, Kafka als Reisender, Kafka und das Nachtleben, der Nationalitätenkonflikt (die Tschechen und die Deutschen, die Juden in-between), insgesamt ein faszinierender und fundierter Blick auf das Prag zu Beginn des 20. Jhdts. Und, der Autor baut eine meiner Lieblingsszenen zu Kafka an genau der richtigen Stelle ein. :)

    "Das Ideal der traumartig fließenden, widerstandsfreien Imagination beherrscht aber nicht nur die Literatur, sondern auch die Regeln einer Selbstwahrnehmung, die im halluzinatorischen Dämmerzustand die eigentliche Kreativität des Ich freigesetzt sieht. Als er eines Nachmittags Max Brod besucht und beim Weg durch das Wohnzimmer dessen auf dem Sofa schlafenden Vater weckt, flüstert Kafka, auf Zehenspitzen weitergehend: 'Bitte, betrachten Sie mich als einen Traum.'"

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  4. Da möchte man gerne wieder Kind sein, mit DEM Informationsminister als Papa :o) und ihm dann die Fangfrage stellen: "Paps, weisst Du an welchem Tag der Film von der astrologishen Uhr gedreht wurde? Paps - ich weiss es. Und weisst Du warum der so verwackelt ist? Da war nämlich Vollmond in Prag :o)"




    Jimmy Page :o)

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  5. Danke für die Reportage, allerfeinst! Wunderbar zu lesen. Und, habt Ihr einen Golem mitgenommen? Meiner (http://christianerdmann.blogspot.com/2011/03/golem.html) reagiert auf "Golem, mach mal Licht hier!" nur mit "Bin ich denn dein Schabbesgoi!" - Eine Lieblingspassage: "Mein Heißhunger, mechanische Lösungen im grenzwertig-romantischen Geniebereich zu besichtigen, ist ungestillt. Manchmal träume ich nachts von der Bühnenmechanik des Barocktheaters in Krumlov und der Traum endet immer damit, dass ein goldenes Zahnrad oben am ..." Ich hätte ja auch gern Olimpia von innen besichtigt. Notiert für nächstes Mal: Kozna, Kisch. Dafür muß der Geheimnisvolle-Gassen-Sucher nächstes Mal in die Saska.

    In Wagenbachs taschenfreundlichem "Kafkas Prag", mit dem wir 2010 unterwegs waren (about vanished words on K: verstehe vollkommen), gibt es ja ein Bild vom Minuta-Haus um 1900, unglaublich, zu denken, daß die Sgraffiti mal übertüncht waren. Dein Johannes Nepomuk sieht eerie aus, 43 wunderschön, der Ort, an dem man langsam den Klang des Moldau-Wehrs zu vernehmen beginnt, dieses sanfte Rauschen, das seltsame Stille über die Karlsbrücke legt. Finde auch 52 phantastisch, das Lichtspiel auf der dunklen Moldau. Schön, Havel groß am Nationalmuseum zu sehen. Bin gespannt auf slowakische Walzendrehtechnik, special thanks für den Moldau-Angler und natürlich no. 50 :)

    Oh, und der junge Mann auf Bild 17 zwischen Madame und Pferd, der so interessiert und charmant in Deine Kamera schaut, das ist doch der Sohn von Karel Gott, oder? :)

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  6. Einen der braunen Miniknubbel für 25 Kronen hatte ich schon in der Hand, am AJF oben, da raunte mir eine wohlbekannte weibliche Stimme zu: "Schau mal, Eintrittspreise wie im Louvre." Hab sofort auf Strategie geschaltet und den kleinen Kerl schnell und unauffällig wieder in die Reihe zurückgestellt, farshtaist? ... :) Schau ich mir den Golem halt auf Antirat an, aber irgendwann isser mein. Joh, Saska, registriert.

    Das Allerunheimlichste an Prag ist, dass mich Prag nie an Prag erinnert, sondern an Budapest. :) War jetzt der sage & schreibe neunte Besuch dort, drei Privatreisen, sechs Geschäftstermine in den nuller Jahren. Kommt freilich drauf an, mit wem du dort unter welchen Voraussetzungen aufschlägst, aber stets aufs Neue denk ich am ersten Tag in Prag: die Donau ist aber wieder schmal geworden. :) Spaß beiseite, durchaus möglich: offene Augen und wacher Verstand für all das Schöne erst jetzt. - Sollte ich allerdings irgendwann in Budapest einen Golem zu kaufen versuchen ... :)

    Las Binders "Literarische Spaziergänge" vor dem Trip, machte daheim noch Notizen; vor Ort dann aber mit dem Stadtplan in der Hand ins Ungefähre. Denke, von Binders drittem Spaziergang profitierten wir dann doch sehr. :)

    Rilke, Kafka, Werfel, Kisch ... - am Ende wurde mir der Überhang des Interesses an reichsdeutsch-jüdischer Prager Kultur vor allem Tschechischen schon bewusst, auch meinte ich, bei den spärlichen Kontakten mit den Leuten dort schon so etwas wie einen geheimen Ingrimm, einen genervten Überdruss - hartes Wort! - aufgrund des Umstands zu verspüren, dass sich alle Welt um die deutsch-jüdische Kulturhülle bemüht, die für die Tschechen ja eine fremdsprachige im eigenen Land ist, aber nur wenige ein Interesse für Jan Hus oder das Prag Milan Kunderas oder auch Vaclav Havels aufbringen. Mag falsch liegen damit, aber beim nächsten Besuch wird´s bei mir ins "tschechische" Prag gehen. :)

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  7. Edda, kennst mich doch; verwackelte Bilder sind für mich sowas wie der Ausweis hochnotrelevanten Filmschaffens. :)

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  8. 2010 dachten wir: die Tschechen warten auf irgendwas. Ob sie selber wissen, worauf? Auf jeden Fall auf irgendeinen Impuls, der sie weckt. Unserem ja immer noch kurzen Eindruck nach: ein grundsätzlich unglaublich zurückhaltendes, ruhiges, höfliches Volk, in Zügen schauen alle vorwiegend nach unten, selbst Schulkinder in Metrozügen sprechen leise miteinander. In Prager Museen waren ältere kustod-Damen, die sich in genervter Lethargie zu bewegen schienen, wie durch Zauberhand verwandelt in charmant sprudelndes Mitteilungsbedürfnis, wenn man sich für bestimmte Dinge ausdrücklich interessierte; mit dem Bric-a-brac-Mann verbrüderten/-schwesterten wir uns fast. Wir hatten seinen Laden mit "Ahoi!" betreten, und als ich in den Grammophonplatten stöberte, sprach er mich auf Tschechisch an. "You fooled me when you said ahoi". Was lernen wir daraus? Eine verschwindend geringe Zahl von Menschen unter den Touristenmassen, die Prag überfluten, eignet sich vorher auch nur eine Handvoll Worte auf Tschechisch an. Kein Witz: ahoi, prosím und dĕkuji allein waren wie Herzöffner. Insofern, ja, vieles, was wir sahen und erlebten, paßt zum Eindruck eines gewissen genervten Ingrimms. Denke, viele Prager, wenn sie nicht gerade direkt vom Tourismus leben, fühlen sich verständlicherweise mittlerweile auch einfach enteignet. Als wäre die Stadt nicht mehr ihre. Was uns auch auffiel, waren diese uralten, staub- und rußgrauen Gardinen hinter so vielen Fenstern auch in feinstrenovierten Häusern, als wäre da drinnen noch 1968, und sie schienen, ich mag da völlig falsch liegen, wie ein Symbol für diese gewisse Lethargie, die zu herrschen scheint. So dramatisch, traurig, entsetzlich die Niederschlagung des Prager Frühlings war: 21.3.1969, Eishockey-WM, CSSR - UdSSR 2:0. Fünf Minuten nach Spielschluß: 200.000 Menschen auf dem Wenzelsplatz. Es ist bestimmt nicht DIESE Art von Impuls, auf die man wartet, klar. Aber noch von Schwejk bis Kundera könnte man meinen, "das" Tschechische stellt sich mit Vorliebe gegen den Widersinn angemaßter Autorität, bringt in Frontstellung gegen Unterdrückung die exquisitesten Vorzüge des Individuellen zur Geltung. Ist natürlich primär nur eine Denkfigur. Aber vielleicht ist auch ein bißchen Wahrheit an diesem Eindruck, jedenfalls, daß gerade eine leicht orientierungslose, leicht resignative Phase herrscht, aus der man gern auftauchen würde, aber noch nicht weiß, wie. Der Bric-a-brac-Mann liebte Berlin. Sagte, er würde gern da leben. Wir sagten, wir würden gern in Prag leben. Und er sagte: oh, wünscht Euch das nicht.

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