Hildesheimer: Marbot

„Kennen Sie Sir Andrew? Sir Andrew Marbot?“ fragte ich also ins Blaue hinein. Und ohne Madames Antwort abzuwarten und ungerührt des Umstandes, dass mir ihr Sennhund frech in den unteren Hosenöffnungen herumschnüffelte, fuhr ich fort:
„Andrew Marbot begann als knapp Zwanzigjähriger eine inszestuöse Beziehung zu seiner Mutter. Zehn Jahre später beging er Selbstmord. In der Zwischenzeit bereiste er die geistigen Metropolen Europas und sprach mit allen Künstlern und Philosophen, die Rang und Namen hatten. Was sagen Sie jetzt? – Aber nehmen Sie doch erstmal Platz.“
Ich rückte ein Stück, Madame ließ sich auf meinem Kiesel nieder, und ich fuhr fort:
„Nach dem Inszest verführte Marbot Goethes Schwiegertochter in Weimar, in Pisa rammelte er sich durch Lord Byrons Hofstaat, in Neapel traf er den tiefgründigen Leopardi, in Florenz den Griesgram Schopenhauer, in Edinburgh schloss er sanft die Tür, wenn de Quincey zu halluzinieren begann …“
„Aha, Ödipuskomplex und all das, oder?“ unterbrach Madame.
„Jahaa, aber davon hatte man in der Romantik freilich noch keinen Begriff, meine Liebe. Selbst kein Künstler, worunter er insgeheim litt, hatte Sir Andrew die Welt vorzeitig ausgeschöpft. Es gab nichts mehr zu erfahren und die Sache mit seiner Mutter wurde er nicht mehr los. Also wählte er nach allen geistigen und körperlichen Entgrenzungen den romantischen Freitod“, antwortete ich, äusserlich fest.
Sie sah mich an, medium close shot: „Gut erfunden. Aber mir gefallen böse Geschichten, durchaus. Vor allem, wenn sie von völlig unbekannten Filous am Isarufer erzählt werden.“
„Oh nein, täuschen Sie sich nicht. Marbot ist so wirklich wie das Leben selbst“, gab ich zurück, „so wirklich wie Sie und ich auf diesem Isarkieselstein.“
„Tja, SO gesehen ...“
„So und nicht anders. Tel Aviv.“
„Ja, wie das Leben so spielt …“

"Marbot. Eine Biographie" ist keine Biographie sondern ein ROMAN, der sich formal des Kunstgriffs der biographischen Aufarbeitung bedient. Und als solcher nimmt er sich die unerhörte Freiheit offenzulassen, ob Erzähler/Biograph und Autor überhaupt ein und dieselbe Person sind. [Sie sind es nicht.] Allein dieser Umstand verbietet schon den Vergleich des Buches mit herkömmlichen Biographien. „Marbot“ erschafft durchaus eine „wahrere“ Wirklichkeit und „wirklichere“ Wahrheit: Sind nicht alle Biographien notwendigerweise geistige Falschmünzerei, weil Mutmaßungen über Brüche und Inkonsistenzen in Leben und Oeuvre der rezipierten Künstler immer ins Sinnhaft-wohlgefällige gewendet werden müssen; im Sinne des Lesers? Ist dieser historisierende Blick keine Fiktion? Ist Marbot als auktorial einkopierte Kunstfigur im historisierenden Zeitgemälde nicht lediglich die konsequente Umsetzung des Eingeständnisses: Ja, es könnte alles ganz anders gelaufen sein. Wir wissen nichts, wir können nichts wissen, wahrscheinlich haben wir uns geirrt.

Nach der unabänderlichen Trennung ("nevermore") hält Marbot dennoch brieflich Kontakt zur Mutter/Geliebten, die körperliche Nähe wird ersetzt durch Kunstrezeption. 1825 besucht Marbot in Braunschweig die von Herzog Anton Ulrich gegründete Gemäldesammlung. Hildesheimer lässt ihn anhand der Rezeption von Giorgiones Selbstbildnis ein Credo formulieren:


Der Brief an die Mutter aber fährt fort über das Bildnis des Giorgione, dessen Urheberschaft zu dieser Zeit noch nicht völlig gesichert war. Es beeindruckt ihn zutiefst, ja, es rührt sein Inneres an, als eines jener Objekte versuchter Identifikation, anhand derer er in die Psyche des Künstlers einzudringen sucht.

„In der Gemäldegalerie hier sah ich ein wunderbares Bildnis des Giorgione da Castelfranco. Es ist so vollkommen, dass ich hoffe, es möge mir in meine Träume folgen. Ein Blick von geradezu stechender Unbestimmtheit (virtually piercing vagueness), von aufgerührter, leidenschaftlicher und doch zweifelnder Selbstliebe. Es muss ein Selbstbildnis sein, außer Rembrandt dringt kein Maler so tief in die Seele eines anderen ein. Auch glaube ich, ein Selbstbildnis immer zu erkennen, nicht nur an dem auf den Betrachter gerichteten Blick, sondern auch an der Art dieses Blickes, der nach dem Willen des Künstlers nur das preisgeben soll, was sein Bewußtsein und daher sein Selbstbewußtsein (self-estimation) preiszugeben ihm gestattet oder befiehlt. Was es darüber hinaus verrät, ist sein verborgenes Eigentum, das wir ihm stehlen, wo wir können. Selten aber spricht das Auge so unver-hohlen wie hier. Es sagt: Dies bin ich, dessen Werk du bewunderst, und du bewunderst es mit Recht. Denn ich bin dir überlegen.

Der wahre Künstler liebt nur sich selbst, und von sich auch nur den schöpferischen Teil, während er den menschlichen Teil vernachlässigt oder nicht berücksichtigt oder mit irdischen Freuden ruiniert, was, wenn wir Vasari richtig lesen und ihm glauben, Giorgione auch getan hat. Er hegt nicht den egoistischen Willen des Besten für sich selbst, vielmehr nimmt das schöpferische Ich (the creative self) in seinem Wollen den gesamten Platz ein und fordert immer wieder den Selbstausdruck. Der wahre Künstler ist – ohne es zu wissen – sich selbst ein Rätsel, das er aber in jedem Werk aufs neue zu lösen versucht, und dessen Lösung ihm, subjektiv betrachtet, niemals gelingt. Andere Menschen sind ihm nur Diener, die ihm in seiner Selbstverwirklichung beizustehen oder ihm dabei aktiv zu helfen haben. Glück und Unglück schafft er sich selbst, er braucht dazu keine Anlässe von außen. Er trennt sich leicht von dem, was er nicht mehr brauchen kann, er wirft es nicht weg, sondern er läßt es fallen. So bemerkte ich denn, als ich das Bild lange ansah, einen kaum verhohlenen Zug der Geringschätzung in diesem Blick, als wolle er sagen: In Wirklichkeit wirst du nichts über mich erfahren, du kannst es nicht.“

Ob Marbot das Bild gedanklich überfrachtet, soll hier nicht erörtert werden. Doch wird kaum einer, dem dieses Gemälde etwas bedeutet, an seiner Interpretation vorübergehen können, sie schleicht sich in den rezeptiven Prozeß ein, ob der Betrachter es will oder nicht.


[S. 183ff der Ausgabe suhrkamp taschenbuch, 1984]

Wolfgang Hildesheimer. Marbot. Eine Biographie.

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